5 Fragen an Susanne Brorson –  Architektur als Labor der Zukunft

Interview:

Was passiert, wenn Architektur nicht nur baut, sondern forscht, fragt und widerspricht? Im Interview spricht Prof. Susanne Brorson über ihr Büro auf Rügen als experimentelles Feld zwischen Praxis, Lehre und Theorie..

Architektur als Labor der Zukunft Architektur als Labor der Zukunft

Baukultur & Klima — Deutschland | 

Wie würden Sie die Philosophie und Arbeitsweise Ihres Büros beschreiben?

Mit unserer Arbeit verbinden wir experimentelle Praxis, Lehre und Forschung – wir verstehen Architektur als eine kritische, suchende, forschende, aber auch künstlerische Auseinandersetzung mit dem, was um uns herum passiert. Wir beteiligen uns aktiv an einem Architekturdiskurs zu bioregionaler und regenerativer Architektur, auch über Ausstellungen, Vorträge, Diskussionsformate und Workshops.

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Ein experimentelles Feld zwischen Praxis, Lehre und Theorie.

Experimentalhaus Rügen

Ein experimentelles Feld zwischen Praxis, Lehre und Theorie.

Bild vergrößern (Experimentalhaus Rügen)(Abbildung © Maja Wirkus, Kopenhagen)
Materialstudie zur saisonalen Fassadenbekleidung

Experimentalhaus Rügen

Materialstudie zur saisonalen Fassadenbekleidung

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Wenn Sie an „nordische Baukultur“ denken – was verbinden Sie damit persönlich, und wie findet sich dieses Verständnis in Ihrer Arbeit wieder?

Ich bin gebürtige Stralsunderin und an der Ostsee aufgewachsen, bin nach vielen Jahren im Ausland und in Berlin wieder hierher zurückgekehrt. In meiner Dissertation habe ich mich mit klimagerechter und ressourcenschonender Architektur beschäftigt, im Rahmen einer typologischen Untersuchung zu vernakulären Wohngebäuden im Ostseeraum. Irgendwann war es sehr naheliegend, das Büro auch in diesem Kontext zu etablieren – es hat mich sehr interessiert, in dieser Landschaft, im saisonalen Klima der Ostsee nachhaltige Architektur zu entwerfen. Mit meinen Forschungsergebnissen experimentiere ich seit Jahren nicht nur in der Lehre, im Rahmen eines Formates ‚Baltic Vernacular – The Experimental Laboratory‘, sondern auch in der Praxis, etwa im Experimentalhaus Rügen oder dem Eco Village Rügen.

Ausgangspunkt des Experimentalhauses war ein bestehendes Gebäude vom Typ EW 58 (1952), dem sogenannten DDR-Einfamilienhaus-Bausatz. Als erste Maßnahme wurde das Reetdach mit neuem Material gedeckt, das nur wenige Meter entfernt aus dem Bodden gewonnen wurde.

Experimentalhaus Rügen

Ausgangspunkt des Experimentalhauses war ein bestehendes Gebäude vom Typ EW 58 (1952), dem sogenannten DDR-Einfamilienhaus-Bausatz. Als erste Maßnahme wurde das Reetdach mit neuem Material gedeckt, das nur wenige Meter entfernt aus dem Bodden gewonnen wurde.

Bild vergrößern (Experimentalhaus Rügen)(Abbildung © Maja Wirkus, Kopenhagen)
Seit 2021 erprobt das Büro am Experimentalhaus saisonale Fassadenbekleidungen. Die 1 × 1 Meter großen Paneele lassen sich von Hand anbringen und mit unterschiedlichen Pflanzenmaterialien bestücken.

Experimentalhaus Rügen

Seit 2021 erprobt das Büro am Experimentalhaus saisonale Fassadenbekleidungen. Die 1 × 1 Meter großen Paneele lassen sich von Hand anbringen und mit unterschiedlichen Pflanzenmaterialien bestücken.

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Die Fassadenstudien veranschaulichen das Prinzip der saisonalen Bekleidung. Eine zusätzliche Schicht aus Pflanzenmaterialien soll die Auskühlung durch Wind verringern.

Experimentalhaus Rügen

Die Fassadenstudien veranschaulichen das Prinzip der saisonalen Bekleidung. Eine zusätzliche Schicht aus Pflanzenmaterialien soll die Auskühlung durch Wind verringern.

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Viele Bauaufgaben sind geprägt von gesellschaftlichem Druck – Wohnraummangel, Energiewende, Kostendruck. Welchen dieser Aspekte empfinden Sie derzeit als besonders herausfordernd?

Als kleines Büro, das auf einer Ostseeinsel ansässig ist und wo wir vor allem kleinere Projekte bearbeiten, sind wir natürlich vor allem von den steigenden Kosten im Bausektor betroffen. Viele Leute warten gerade eher ab; und so verlassen wir gerade auch ein wenig das Feld der klassischen Leistungsbilder und suchen uns selbst Aufgaben, Projekte, die wir richtig und wichtig finden und von denen wir glauben, dass wir mit ihnen einen Beitrag leisten können. Leider ist es für uns schwierig – oder es wird uns nicht unbedingt leicht gemacht – an öffentliche Aufträge zu kommen. Es wäre wünschenswert, wenn es mehr Möglichkeiten und Unterstützung gäbe für jüngere Büros, sich gerade im ländlichen Raum zu engagieren und Baukultur aktiv mitgestalten zu können.

»Wir vertreten eine klare Haltung ...«

Susanne Brorson

Junge Büros stehen oft zwischen Idealismus und Praxis. Wie gelingt Ihnen der Spagat zwischen architektonischem Anspruch und den Realitäten des Baualltags?

Mittlerweile haben wir gelernt, auch einmal ‚Nein‘ zu sagen zu Projekten, hinter denen wir nicht stehen. Wir vertreten eine klare Haltung, und so sind einige unserer Mitarbeiter auch – wie ich – in der Lehre tätig – oder haben andere Standbeine, so dass wir da ein wenig flexibler sind. Aber auch wir müssen Geld verdienen, und ab und an auch mit Sachen, die nicht so spannend sind. Natürlich ist es oft so, dass der Alltag im Büro noch stark davon abweicht, was wir in der Lehre, an der Universität, auf Konferenzen diskutieren. Wir wissen eigentlich genau, wie wir es machen müssten – die Rahmenbedingungen sind oftmals dafür nicht da.

Der Masterplan für das Ökodorf bildet eine Erweiterung des bestehenden Dorfes Streu, das auf einer Halbinsel in einer Lagune auf der Insel Rügen liegt.

EcoVillage Rügen

Der Masterplan für das Ökodorf bildet eine Erweiterung des bestehenden Dorfes Streu, das auf einer Halbinsel in einer Lagune auf der Insel Rügen liegt.

Bild vergrößern (EcoVillage Rügen)(Abbildung © Maja Wirkus, Kopenhagen)
Bei der Gestaltung wurden klimatische Faktoren wie Wind und Sonne berücksichtigt, was sich in der Ausrichtung der Gebäude widerspiegelt, die – wie für die Region typisch – dreiseitig geschützte Innenhöfe bilden.

EcoVillage Rügen

Bei der Gestaltung wurden klimatische Faktoren wie Wind und Sonne berücksichtigt, was sich in der Ausrichtung der Gebäude widerspiegelt, die – wie für die Region typisch – dreiseitig geschützte Innenhöfe bilden.

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Der Plan orientiert sich zudem an den Grundrissen eines alten Herrenhauses und seiner Wirtschaftsgebäude.

EcoVillage Rügen

Der Plan orientiert sich zudem an den Grundrissen eines alten Herrenhauses und seiner Wirtschaftsgebäude.

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Wenn Sie in die Zukunft blicken: Welche Chancen sehen Sie für die Architektur, und wo wünschen Sie sich Veränderung?

Ich sehe eine große Verantwortung in unserer Tätigkeit; viel mehr als zuvor müssen wir Kontexte, gesellschaftliche und politische Krisen, sich verknappende Ressourcen, Klimawandel mitdenken. Die Zusammenarbeit mit anderen Fachdisziplinen wird dabei immer wichtiger; ich begreife das aber vor allem auch als Chance, indem hier viel neues Wissen entsteht und sich die Architektur darüber weiterentwickeln kann. Ich wünsche mir, dass wir uns wieder weiter wegbewegen von einer reinen Dienstleistung, die wir oft nur noch erbringen, hin dazu, wieder als Experten wahrgenommen (und auch bezahlt) zu werden, die übergreifende Zusammenhänge verstehen, Beziehungen herstellen und in einer Form zusammenführen können.

Info

Dieses Interview entstand im Vorfeld des Beitrags „Den Norden neu denken“ über vier junge Architekturbüros aus Norddeutschland für die Ausgabe 01.2026 des Magazins A&W Architektur & Wohnen.

"Baltic Bioregional", BDA Galerie Hamburg

Bis zum 3. November 2026 zeigt die BDA Galerie Hamburg „Baltic Bioregional“ von Studio Susanne Brorson mit Arbeiten von Linda Leitane. Die Ausstellung stellt Projekte aus Lehre, Forschung und Praxis zur klimagerechten Architektur im Ostseeraum vor.