Kunsthalle Bielefeld. Das Ausstellungshaus entstand zwischen 1966 und 1968 nach Plänen des amerikanischen Architekten Philip Johnson.
Kunsthalle Bielefeld Das Ausstellungshaus entstand zwischen 1966 und 1968 nach Plänen des amerikanischen Architekten Philip Johnson. © Wolfram Guenzel

Was für eine Ausgewogenheit. Ein rosaroter Monolith. Eingefasst von saftigem Grün. Ein programmatisches Konzentrat auf einer Grundfläche von nur dreißig auf dreißig Metern. Die Fassade aus fränkischem Sandstein fein scharriert. Keine Spur von manieristisch-verspielten Formen. 1966 stand Johnsons Architektur noch unter dem Einfluss des Internationalen Stils. Der war selbstverständlich ohne Gedöns, wie man in Ostwestfalen zu sagen pflegt, also minimalistisch und funktional.

"The future of architecture is culture."

Philip Johnson

Gründungsdirektor Joachim Wolfgang von Moltke und der Stifter Rudolf August Oetker hatten Johnson damals persönlich beauftragt. Zuvor war eine intensive Suche nach einem angemessenen Architekten vorangegangen, darunter waren Ikonen wie Alvar Aalto, Eero Saarinen und Ludwig Mies van der Rohe. Auch Johnson war damals bereits weltbekannt, hatte Erfahrungen im Museumsbau und war viele Jahre kuratorischer Leiter der Architekturabteilung des Museum of Modern Art (MoMA) in New York. Oetker schwebte ein Museum vor, wie es Johnson 1960 in Utica, New York realisiert hatte. Das Munson-Williams-Proctor Arts Institute, ein granitverkleideter Solitär mit umlaufendem Lichtgraben, ruht ähnlich monumental wie die Bielefelder Kunsthalle in sich. Auch das Bielefelder Bauwerk sollte ursprünglich in Granit gehüllt werden. Aufgrund steigender Kosten wurde die Idee verworfen. Ein Glücksfall, denn gerade das sandige Rot gibt dem Gebäude seine heitere Erscheinung. Verstärkt wird dies durch ein besonderes Detail. Johnson ließ in Handarbeit feine Rillen in den Stein schlagen. Durch das sogenannte Scharrieren wirkt das matte Material noch lebendiger. Überhaupt blieben bis heute beinahe alle Details des denkmalgeschützten Johnson-Baus erhalten. Auffallend schön sind auch die feinen Edelstahl-Geländer des Treppenraums, der das Foyer mit den Ausstellungsräumen in den beiden oberen Geschossen verbindet. Auf der Eingangsebene sind der Empfang, ein Museumsladen, ein Malsaal und das Café Johnson's, das sich zum Skulpturenpark hin öffnet, angeordnet. Klare Einschnitte in den Außenwänden stellen immer wieder Bezüge zur Stadt her, ermöglichen Ein- und Ausblicke. In den beiden unteren Geschossen befinden sich Verwaltungsräume, die Bibliothek, ein weiterer Malraum und das Auditorium.

Der Schöpfer. Philip Johnson mit dem Reeder John Henry de La Trobe am Modell seines Werkes.
Der Schöpfer Philip Johnson mit dem Reeder John Henry de La Trobe am Modell seines Werkes. © Kunsthalle Bielefeld
Das Werk. Die Kunsthalle Bielefeld ist der einzige europäische Museumsbau des amerikanischen Architekten und zählt zu den bedeutendsten deutschen Museumsarchitekturen der Nachkriegszeit.
Das Werk Die Kunsthalle Bielefeld ist der einzige europäische Museumsbau des amerikanischen Architekten und zählt zu den bedeutendsten deutschen Museumsarchitekturen der Nachkriegszeit. © Kunsthalle Bielefeld
Das Vorbild. Der granitverkleidete Solitär des Munson-Williams-Proctor Arts Institute  wird durch gewaltige, außenliegende Bronzeträger getragen. Eine symmetrisch angeordnete Freitreppe überbrückt den umlaufenden Lichthof.
Das Vorbild Der granitverkleidete Solitär des Munson-Williams-Proctor Arts Institute wird durch gewaltige, außenliegende Bronzeträger getragen. Eine symmetrisch angeordnete Freitreppe überbrückt den umlaufenden Lichthof. © Ezra Stoller Esto
Das Vorbild. Anklänge der stützenfreien, zweigeschossigen Ausstellungshalle mit Galerie und Oberlicht lassen sich auch im Haus der Ostwestfalen-Metropole finden.
Das Vorbild Anklänge der stützenfreien, zweigeschossigen Ausstellungshalle mit Galerie und Oberlicht lassen sich auch im Haus der Ostwestfalen-Metropole finden. © Ezra Stoller Esto

"To me, the drive for monumentality is as inbred as the desire for food and sex, regardless of how we denigrate it. Monuments differ in different periods. Each age has its own."

Philip Johnson
Die Hülle. Philip Johnson und Museumsdirektor von Moltke entdeckten den roten Main-Sandstein an einem Bankgebäude in der Nähe des Bauplatzes und entschieden sich, diesen auch für die Kunsthalle zu verwenden.
Die Hülle Philip Johnson und Museumsdirektor von Moltke entdeckten den roten Main-Sandstein an einem Bankgebäude in der Nähe des Bauplatzes und entschieden sich, diesen auch für die Kunsthalle zu verwenden. © Stephan Müller
Der Körper. Die einzelnen Ansichten des Solitärs sind unterschiedlich stark verschlossen.
Der Körper Die einzelnen Ansichten des Solitärs sind unterschiedlich stark verschlossen. © Jan Dimog
Der Körper. Am lichtesten öffnet sich die Fassade zum Skulpturenpark hin. Hier befindet sich auch das Café Johnson's.
Der Körper Am lichtesten öffnet sich die Fassade zum Skulpturenpark hin. Hier befindet sich auch das Café Johnson's. © Jan Dimog
Der Körper. Das untere Segment ist durch schmale Wandscheiben mit abgerundeter Stirn und breiten Fensterflächen gegliedert. Der obere Teil ist völlig geschlossen und mit Oberlichtern versehen.
Der Körper Das untere Segment ist durch schmale Wandscheiben mit abgerundeter Stirn und breiten Fensterflächen gegliedert. Der obere Teil ist völlig geschlossen und mit Oberlichtern versehen. © Jan Dimog
Die Perspektiven. Das Spiel der Achsen.
Die Perspektiven Das Spiel der Achsen. © Jan Dimog
Die Kante. Die klare Formensprache.
Die Kante Die klare Formensprache. © Jan Dimog
Das Foyer. Lichtdecken sorgen im weiträumigen Foyer und auf allen Ausstellungsebenen für eine gleichmäßige Ausleuchtung.
Das Foyer Lichtdecken sorgen im weiträumigen Foyer und auf allen Ausstellungsebenen für eine gleichmäßige Ausleuchtung. © Jan Dimog
Der Treppenraum. Das umlaufende Brüstungsgeländer aus feinem Edelstahl ist noch im Original erhalten.
Der Treppenraum Das umlaufende Brüstungsgeländer aus feinem Edelstahl ist noch im Original erhalten. © Jan Dimog
Das Auditorium. Der Vorhang mit dem Titel
Das Auditorium Der Vorhang mit dem Titel "Colors from Canaan" des Konzept-Künstlers Olaf Nicolai hängt seit 2013 auf der Bühne des Saals im unteren Geschoss. © Wolfram Günzel

Die fließenden Räume der Kunsthalle Bielefeld zählen noch immer zu den gelungensten Gemäldegalerien des Landes. Die Belichtung mit natürlichen und künstlichen Lichtquellen, mit Lichthimmel und Seitenlicht in Verbindung mit den Blickbeziehungen zur Stadt setzte Johnson überzeugend um. Besonders klassische Kunstgattungen lassen sich in dieser kontemplativen Umgebung überaus gut betrachten. Malerei und Plastik bildeten bisher auch den Kern der Sammlung. Darunter Werke der Brücke, des Blauen Reiters und der konstruktivistischen Strömung der 1920er Jahre.

Längst ist das Gebäude zu klein. Heutige Ausstellungsformate und die zukünftige Ausrichtung der Kunsthalle erfordern flexiblere Räume, die auch Junge Kunst-Schauen, wie Performances, Installationen und Projektionen, ohne aufwendige Eingriffe ermöglichen. Über eine Erweiterung wird schon seit über 20 Jahren diskutiert. Ich erinnere mich noch gut, als zu meinen Schulzeiten eine hitzige Diskussion über Frank O. Gehrys Anbau entbrannte. Gewohnt metallisch und geschwungen sollte es zugehen. Ein dekonstruktivistischer Übergangsbau, der die Kunsthalle mit dem benachbarten Naturkundemuseum verbinden sollte. Nicht zuletzt durch den Einwand der Familie Oetker wurde das Projekt schließlich begraben. Gehry baute trotzdem in OWL. Allerdings in benachbarten Gemeinden. In Herford entstand das Marta, in Bad Oeynhausen baute er das Energie-Forum-Innovation (EFI) und das „Ronald McDonald Haus“. Burger statt Fertigpizza also.

2012 war der geniale Sou Fujimoto in Bielefeld mit seiner ersten monografischen Schau außerhalb Japans zu sehen. Modelle, Zeichnungen und sein „Final Wooden House“ im Maßstab 1:1 verblüfften die Besucher. Als Geschenk hinterließ er der Stadt drei Entwürfe für die Erweiterung ihrer Kunsthalle, in denen Stadt, Natur und Landschaft miteinander verschmelzen. Eine konzeptionell und Architektur-ästhetisch angemessene Ergänzung. Leider ist bis heute ungewiss, ob sie kommt. Es wäre auch sein bisher einziges permanentes Gebäude in Europa.

Die Sammlung. Deren Kern bildet bis heute die Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts, expressionistische Malerei und Plastiken der klassischen Moderne. Darunter sind Werke von Picasso, Max Beckmann, Man Ray, Sonia und Robert Delaunay.
Die Sammlung Deren Kern bildet bis heute die Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts, expressionistische Malerei und Plastiken der klassischen Moderne. Darunter sind Werke von Picasso, Max Beckmann, Man Ray, Sonia und Robert Delaunay. © Stephan Müller

"Ich wünschte, wir hätten es in Paris!"

Sonia Delaunay, französische Künstlerin zur Eröffnung 1968
"Abbildungen" Das Haus öffnet sich aber zunehmend auch anderen Genres. © Wolfgang Guentzel
"Abbildungen" Gerade ging die Schau des renommierten Industriedesigners Konstantin Gricic zu Ende. Seine Entwürfe, wie der chair_ONE von 2004 oder die Leuchte Mayday von 1999 zählen bereits jetzt zu Designklassikern. © Wolfgang Guentzel
Futurospective. Im Sommer 2012 richtete die Kunsthalle Bielefeld erstmalig eine Einzelausstellung des japanischen Ausnahme-Architekten Sou Fujimoto außerhalb seines Heimatlandes aus.
Futurospective Im Sommer 2012 richtete die Kunsthalle Bielefeld erstmalig eine Einzelausstellung des japanischen Ausnahme-Architekten Sou Fujimoto außerhalb seines Heimatlandes aus. © Kunsthalle Bielefeld
"Futurospective" Seitdem steht sein "Final Wooden House" im Maßstab 1:1 im angrenzenden Skulpturengarten. Der nach außen kubisch-geometrische Körper löst sich im Inneren in vor- und rückspringende Balken auf. Deren Funktion bestimmt dann der Nutzer selbst. © Kunsthalle Bielefeld
Der Skulpturengarten. Erst 2008, zum 40. Geburtstag der Kunsthalle, wurde der Skulpturenpark nach den Originalplänen von Philip Johnson gestaltet. Die Außenskulpturen, u. a. von Olafur Eliasson, Sol LeWitt, Henry Moore, Thomas Schütte und Sou Fujimoto, werden nachts angestrahlt.
Der Skulpturengarten Erst 2008, zum 40. Geburtstag der Kunsthalle, wurde der Skulpturenpark nach den Originalplänen von Philip Johnson gestaltet. Die Außenskulpturen, u. a. von Olafur Eliasson, Sol LeWitt, Henry Moore, Thomas Schütte und Sou Fujimoto, werden nachts angestrahlt. © Kunsthalle Bielefeld
"Axis" Die Skulptur des amerikanischen Künstlers Richard Serra neben dem Haupteingang wurde 1989 aufgestellt. Drei gewaltige, etwa 10 Meter hohe Scheiben aus Corten-Stahl scheinen gegeneinander gelehnt. So entsteht der Eindruck eines fragilen Gleichgewichts. © Jan Dimog
"Viktoria" Das Kunstwerk von Bettina Pousttchi ist seit 2016 neu in der Sammlung des Skulpturenparks zu sehen. © Veit Mette
"Anohni. My Truth" Von 23.7–16.10.2016 zeigt die Kunsthalle Bielefeld eine Schau der Künstlerin Anohni, die als elegische Musikerin auch unter dem Namen Anthony Hegarty (Antony and the Johnsons) bekannt ist. © Anohni

Von Hendrik Bohle Architekt, Autor und Stadtforscher, veröffentlicht am .