"To review and to readdress."

Stephen Willacy, Stadtbaudirektor von Aarhus, über seinen Zugang zur Architektur in der Hafenstadt an der Ostsee

Aarhus bewegt sich. Die wohlhabende Industrie- und Wissensstadt in Jütland entdeckt die Ostsee neu und krempelt seine Wasserkante um. Mit dem Umzug des Containerhafens an eine andere Stelle bekam die Stadt plötzlich große Flächen, die sie nun für neue Stadtquartiere und Großprojekte nutzt. Sie heißen Dokk1, Navitas und Ø (Aarhus Ost) und repräsentieren den Aarhuser Aufschwung in der Architektur und Stadtentwicklung. Das alles kulminiert in den Titel, den die Stadt dieses Jahr trägt: europäische Kulturhauptstadt 2017. Als ob der Bauboom nicht schon genug wäre, haben die Verantwortlichen ein Eventdauerfeuer entfacht, deren Themen rund um „Diversity, democracy, sustainability“ kreisen und 400 Veranstaltungen umfassen. Und da Vielfalt, Demokratie und Nachhaltigkeit sperrige Begriffe sind, münden diese in dem griffigen Slogan „Let’s rethink“. Gedanken neu ordnen, Bestehendes hinterfragen, Bewegung ermöglichen. Offenheit einfordern.
Mit Arkitema, Schmidt Hammer Lassen, AART,  CEBRA und 3XN stammen einflussreiche und wichtige Büros aus der jütländischen Hafenstadt. Die Firmen beschäftigen mehrere hundert Angestellte und machen sie auch im globalen Wettbewerb zu Architekturmaschinen. Sie tragen das berühmte „Danish Design“ in die Welt hinaus, sicherlich auch beeinflusst durch die Jan Gehl-Philosophie der Bürgerrechtsarchitektur. Im Schatten der Großbüros konnten sich mehrere junge Gestalter entfalten und erschaffen ihrerseits Aarhus-Architekturen des 21. Jahrhunderts. Ein Faktor für die Hotspotwerdung: Beweglichkeit in der Kreativität, den Prozessen und vor allem in der vernetzten Zusammenarbeit.
Stephen Willacy steht für diese Art der Herangehensweise. Als wir, die Kulturjournalistin Karen Grunow (Co-Autorin der Jean Krämer-Monografie) und ich, ihn in seinem Dienstbüro im Aarhuser Rathaus treffen, ist er frisch von einer Reise aus Kroatien zurückgekehrt. Der Stadtarchitekt und Stadtbaudirektor aus Großbritannien beschreibt die Stadtentwicklung seiner dänischen Wahlheimat der vergangenen zehn Jahre als eine der unbedingten Neuausrichtung.
„Es geht und ging um die Neubewertung der Stadt, darum, dass man aufmerksam ist und besonderen Wert auf Innovation legt.“
Für ihn bedeutet die nun überwundene Rezession: „To review and to readdress.“ Fast zwangsläufig, dass das Motto der Kulturhauptstadt „Let’s rethink“ werden musste. Denn, so Willacy, die Beteiligung der Menschen stehe im Zentrum jeder Idee und jedes Projekts – so, dass bisherige Prozesse geändert werden mussten.
„Das aktive, lokale Engagement und die Beteiligung entscheiden über Erfolg oder Misserfolg. Gleichzeitig muss man einen Balance schaffen, zwischen eben dieser Beteiligung, wirtschaftlicher Anforderungen und der Nachhaltigkeit der Projekte.“ An dieser Stelle leuchten „Diversity, democracy, sustainability“ an vielen Punkten besonders auf. Und was heißt das konkret?
Zum Beispiel im neuen Hafenquartier Ø, Aarhus Ost. Der Anteil der bezahlbaren Sozialwohnungen beträgt 25 Prozent und zahlreiche Studentenapartments bestätigen den Ruf der Stadt als Wissens- und Forschungsstandort. Über 50.000 der insgesamt 330.000 Einwohner sind Studierende.
„Wir haben zudem auf Übergänge von privaten und öffentlichen Bereichen geachtet, denn das die Stadt grüner werden muss, ist ebenfalls Konsens. Daher haben wir die Investoren und Bauherren dazu verpflichtet, dass ein Teil ihrer jeweiligen Projekte öffentlich zugänglich sein muss.“
Diese Öffentlichkeit und Zugänglichkeit passt auch zum Arbeitsplatz von Stephen Willacy. Das Rathaus wurde vom dänischen Großarchitekten Arne Jacobsen in Zusammenarbeit mit Erik Møller entworfen, 1941 eröffnet und gilt als Paradebeispiel des skandinavischen Funktionalismus. Der mächtige, 60 Meter hohe und im Vergleich zu den anderen Baukörpern überproportionale Uhrenturm ist nach wie vor ein wichtiger Bezugspunkt in der Innenstadt. Im Stadtbild fällt es wegen seiner erdig-marmornen Verkleidung aus dem norwegischen Porsgrunn auf.
„Wir sind ein offenes Haus“, betont Pförtner und Hausverwalter Benny als er uns durchs Innere führt, Räume öffnet und auf viele Details hinweist.
„Das Haus steht seit 1995 unter Denkmalschutz. Natürlich dürfen wir nichts an der Struktur ändern, aber das ist auch nicht nötig. Das Haus ist fantastisch und funktioniert für die heute über 400 Angestellten sehr gut.“
Als Architekt stimmt Stephan Willacy in den Lobgesang auf den Jacobsen-Møller-Bau mit ein. Es sei ein Privileg in so einem Haus arbeiten zu dürfen. Auch er stellt die Vorzüge hervor: die Symmetrie, die Lichtführung, die Eleganz der Raumanordnung. Dann zeigt er am Stadtmodell die Transformation der Wasserkante. Bei der Größenordnung denke ich an großzügige Gesten, an überscharfe Renderings und Truman Show-Visualisierungen. Natürlich gibt es die auch hier, aber Willacy legt Wert auf Proportionen.
„Ich arbeite lieber mit Modellen.“
Mit ihnen könne man Architektur einordnen, die möglichen Auswirkungen wirken lassen, das Funktionale mit Ästhetik und Sichtachsen verbinden.

Stephen Willacy (li.).  im Gespräch mit Kulturjournalistin und Kunsthistorikerin Karen Grunow und THE LINK-Mitgründer und Redakteur Jan Dimog. Willacy hat Architektur an der Oxford Brookes University und der University of Westminster studiert. Der 59jährige Brite zog 1984 nach Dänemark und hat sowohl bei Kjær & Richter, als auch bei Schmidt Hammer Lassen gearbeitet. Bei letzterem war er  Partner. Ab 1992 war er Dozent an der Aarhus School of Architecture. Seit 2012 ist er Stadsarkitekt (Stadtarchitekt) in Aarhus.
Stephen Willacy (li.) im Gespräch mit Kulturjournalistin und Kunsthistorikerin Karen Grunow und THE LINK-Mitgründer und Redakteur Jan Dimog. Willacy hat Architektur an der Oxford Brookes University und der University of Westminster studiert. Der 59jährige Brite zog 1984 nach Dänemark und hat sowohl bei Kjær & Richter, als auch bei Schmidt Hammer Lassen gearbeitet. Bei letzterem war er Partner. Ab 1992 war er Dozent an der Aarhus School of Architecture. Seit 2012 ist er Stadsarkitekt (Stadtarchitekt) in Aarhus. © THE LINK
Rathaus Aarhus.  Entworfen von Arne Jacobsen und Erik Møller, die auf diese Weise den skandinavischen Funktionalismus mit geprägt haben. Der Turm ist 60 Meter hoch. Das Rathaus wurde 1941 fertiggestellt und 1995 als Denkmal deklariert.
Rathaus Aarhus Entworfen von Arne Jacobsen und Erik Møller, die auf diese Weise den skandinavischen Funktionalismus mit geprägt haben. Der Turm ist 60 Meter hoch. Das Rathaus wurde 1941 fertiggestellt und 1995 als Denkmal deklariert. © Jan Dimog
Verkleidung.  Die Fassade des Rathaus wurde auf 6000 Quadratmeter Fläche mit Marmor aus dem norwegischen Porsgrunn bestückt.
Verkleidung Die Fassade des Rathaus wurde auf 6000 Quadratmeter Fläche mit Marmor aus dem norwegischen Porsgrunn bestückt. © Jan Dimog
Wärme und Harmonie.  Die Verkleidung mit norwegischem Marmor wirkt außen sachlich, in der Innengestaltung jedoch wurden Holz und Messing als eine warme, einladende Geste eingesetzt.
Wärme und Harmonie Die Verkleidung mit norwegischem Marmor wirkt außen sachlich, in der Innengestaltung jedoch wurden Holz und Messing als eine warme, einladende Geste eingesetzt. © Jan Dimog
Holz und Stein.  Im Foyer treffen Holz- und Marmorboden aufeinander, letzterer mit dem edlen Gestein aus Italien.
Holz und Stein Im Foyer treffen Holz- und Marmorboden aufeinander, letzterer mit dem edlen Gestein aus Italien. © Jan Dimog
Ganz und gar.  symmetrisch und einheitlich sind Bürotrakte und die anderen Bereiche des Gebäudes gestaltet.
Ganz und gar symmetrisch und einheitlich sind Bürotrakte und die anderen Bereiche des Gebäudes gestaltet. © Jan Dimog
Ebenmaß.  Gradlinige Eleganz mit viel Tageslicht, auch in schwarzweiß.
Ebenmaß Gradlinige Eleganz mit viel Tageslicht, auch in schwarzweiß. © Jan Dimog
Perspektiven.  Tageslicht in beinah allen Sektionen der Gebäudeteile.
Perspektiven Tageslicht in beinah allen Sektionen der Gebäudeteile. © Jan Dimog
Der Ratssaal.  Ein prächtiger mit kubanischem Mahagoni verkleideter Raum mit einem 250 Quadratmeter großen Noppenteppich, auf dem die Stadt von Aarhus als Karte eingearbeitet worden ist.
Der Ratssaal Ein prächtiger mit kubanischem Mahagoni verkleideter Raum mit einem 250 Quadratmeter großen Noppenteppich, auf dem die Stadt von Aarhus als Karte eingearbeitet worden ist. © Jan Dimog
Die Öffentlichkeit.  Gegenüber dem Rund der Ratsmitglieder sind erhöht und links die Plätze für die Medienvertreter, dahinter die Sitze für Zuschauer.
Die Öffentlichkeit Gegenüber dem Rund der Ratsmitglieder sind erhöht und links die Plätze für die Medienvertreter, dahinter die Sitze für Zuschauer. © Jan Dimog
Das Design.  Die ausladend geformten Leuchten wurden von einem der Stadtarchitekten gestaltet.
Das Design Die ausladend geformten Leuchten wurden von einem der Stadtarchitekten gestaltet. © Jan Dimog
Die Rathaushalle.  kann um die 800 Menschen fassen. Der Boden wurde aus seltenem Mooreichenholz gefertigt.
Die Rathaushalle kann um die 800 Menschen fassen. Der Boden wurde aus seltenem Mooreichenholz gefertigt. © Jan Dimog
Messing.  wurde in der Innengestaltung oft und gerne eingesetzt, z. B. bei den Handläufen, Türgriffen, Aschenbechern.
Messing wurde in der Innengestaltung oft und gerne eingesetzt, z. B. bei den Handläufen, Türgriffen, Aschenbechern. © Jan Dimog
Der Turm.  wird voraussichtlich in der zweiten Jahreshälfte 2017 wieder eröffnet und wird Teil der Führungen durch das Rathaus sein.
Der Turm wird voraussichtlich in der zweiten Jahreshälfte 2017 wieder eröffnet und wird Teil der Führungen durch das Rathaus sein. © Jan Dimog
Maßstab.  Das Stadtmodell von Aarhus in der Nähe des Trakts des Stadtarchitekten. Im Vordergrund: Aarhus Ø mit dem Eisberg und den Lighthouse-Gebäuden von 3XN.
Maßstab Das Stadtmodell von Aarhus in der Nähe des Trakts des Stadtarchitekten. Im Vordergrund: Aarhus Ø mit dem Eisberg und den Lighthouse-Gebäuden von 3XN. © Jan Dimog
Regenbogen.  In der Mitte: das Kunstmuseum ARoS. Rechts unten ist das Kongresszentrum. Oben rechts befindet sich das Rathaus von Aarhus.
Regenbogen In der Mitte: das Kunstmuseum ARoS. Rechts unten ist das Kongresszentrum. Oben rechts befindet sich das Rathaus von Aarhus. © Jan Dimog
Schnittstelle.  Das Dokk1 fungiert als Knotenpunkt für die alte Innenstadt und das neu entstehende Quartier Aarhus Ost.
Schnittstelle Das Dokk1 fungiert als Knotenpunkt für die alte Innenstadt und das neu entstehende Quartier Aarhus Ost. © Jan Dimog

"Räume für Ideen schaffen, Bürger von Anfang an beteiligen, lokale Lösungen entwickeln."

Carina Serritzlew , CEO und Gründerin von "The Architecture Project" über den Ansatz der Interessensvertretung für Architektur, Bauwesen und Stadtplanung

Funktionalität, Verwandlung und Neuerfindung: das alles scheint hier auf eine gute Art gelungen zu sein. Das Resultat ist ein Ort, der Renommee als neue Kulinarikstadt Dänemarks, als Shoppingdestination Skandinaviens und als Platz für neue Architekturideen genießt. Das letzte Mal war ich in Aarhus vor fünf Jahren in einem Hotelturm am Wasser. Die Übernachtungsstätte ist mir nicht nur wegen ihrer lädierten Einrichtung in Erinnerung geblieben, sondern auch, weil die Umgebung ungeachtet ihrer Lage direkt an der Aarhusbucht trostlos wirkte. Tristesse trotz Wasserstadtstatus?
Von wegen. Wie anders sieht die gleiche Stelle heute aus, Stichwort Hochstimmung am Hafen. Der Hotelturm steht an gleicher Stelle, ist zum Glück jedoch in den Hintergrund gerückt. Stattdessen ist dort das Dokk1 gelandet – vom Aarhuser Prestigebüro Schmidt Hammer Lassen entworfen und 2015 fertiggestellt. Das Multifunktionsgebäude vereint Bürgeramt, kinderfreundliche (Universitäts)Bibliothek, Veranstaltungszentrum und bietet eine vollautomatisch gesteuerte Tiefgarage. Gleichzeitig wird das Dokk1 als neuer Verteilerbahnhof des Ausbaus des Stadtbahnsystems fungieren. An dem neuen Tramsystem von Aarhus wird seit 2012 gearbeitet und heißt Aarhus Letbane, eins der wichtigsten Vorhaben, das Stadtarchitekt Stephen Willacy mit verantwortet. Aarhus Letbane ist eine Neuerfindung der alten Straßenbahn, die bis 1971 existierte. Das Dokk1 markiert die Schnittstelle von altem Stadtkern, Gewerbegebiet und neuem Quartier. Es ist das Tor zum Ø, dem neuen Stadtteil im alten Containerhafen.
Als Schnittstelle versteht sich auch "The Architecture Project", 2012 von Carina Serritzlew in Aarhus gegründet. Zusammen mit Signe Marie Davidsen erklärt sie uns im Gespräch im Dokk1, dass sich "The Architecture Project" als Cluster versteht, in dem Architektur, Stadtplanung und Bauwirtschaft partnerschaftlich kooperieren.
"Es geht darum, die Menschen aus den verschiedensten Bereichen zusammen zu bringen mit dem Ziel die Stadt lebenswert zu machen", so Serritzlew, die vor der Projektgründung als Kuratorin und Museumsdirektorin an verschiedenen Kulturhäusern gearbeitet hat. Sie und Davidsen betonen, dass es auch um "mindset" geht, darum, die Denkweisen für Andere zu öffnen. "Räume für Ideen schaffen, Bürger von Anfang an beteiligen, lokale Lösungen zu entwickeln."
Klingt wie "Let’s rethink". Absolut, so die Beiden. Und konkret? Serritzlew und Davidsen verweisen auf den sozialen Aspekt der Architektur und Stadtplanung, auf den 25 prozentigen Sozialwohnungsanteil im neuen Hafenquartier, auf die Integration von Urban Farming, auf die Verpflichtung der Investoren, Platz für die Öffentlichkeit in ihren Vorhaben zu integrieren.
"Aarhus wächst pro Jahr um 5.000 Menschen. Für die Stadt unserer Größe ist das viel. Für die Seele von Aarhus ist es wichtig, Entwicklungen voranzutreiben, die im besten Fall eine Win-Win-Situation für alle Beteiligten sind."
Um Kreative, Stakeholder und Entscheidungsträger zusammenzubringen, schuf Serritzlew mit ihrem Team das "Rising Architecture"-Festival. Die Premiere 2015 war so erfolgreich, dass die nächste Ausgabe passend zum Kulturhauptstadtjahr stattfindet, vom 11. bis zum 15. September 2017.
Ist das die Stärke von "Danish Design"? Prozesse und Strukturen hinterfragen und die neuen Gedanken in handfeste Lösungen zu formen? Die "Architecture Project"-Verantwortlichen geben zu, dass große Themen wie Partizipation und Sozialverträglichkeit in der Architektur noch mehr Fragen schaffen, dass es Zeit brauche, aber es oft schon viel bringe, wenn die Leute miteinander redeten. Nach dem Gespräch will ich endlich sehen, wie es Aarhus schafft, wuchtige, global formulierte Themen in fassbare Formen zu gestalten.
Von Dokk1 bis zur neuen Hafenstadt sind es etwa 30 Minuten zu Fuß, vorbei am Navitas, dem Lehr- und Forschungszentrum von Kjær & Richter aus Aarhus in Kooperation mit Christensen & Co. (Fertigstellung 2014), am Fährterminal für die Aarhus-Sjaellands Odde-Verbindung, an Baustellen, Absperrungen und dem Salling Tower, bevor man schließlich das Ø-Quartier rund um den Isbjerget erreicht.
Der Eisberg ist eine Koproduktion der vier Architekturbüros CEBRA, JSA, SeARCH und Louis Pailllard aus Dänemark, den Niederlanden und Frankreich. Das Ziel für die 210 Wohnungen mit 25.000 Quadratmeter Wohnfläche war die größtmögliche Tageslichteinstrahlung und Sichtbezüge zur Bucht der Stadt bei gleichzeitiger Mischung der Wohntypologien. Die Lösung: die Nutzung der Variantenvielfalt von Dreiecken. Die Kombinationsfähigkeit der triangulären Formen erlaubt die Gestaltung von kleinen Apartments und großzügigen Penthouse-Wohnungen von 55 bis weit über 200 Quadratmetern. Vier L-förmige Blöcke orientieren sich gen Wasser und wurden von den Architekten hintereinander gruppiert. Durch die Zackenform und die schrägen Flächen, so die Planer von CEBRA, kann das Tageslicht optimal genutzt werden, ermöglicht Ausblicke auf die Bucht und den neuen Containerhafen und spielt mit den Sichtachsen zwischen den einzelnen Gebäudeteilen und dem Wasser.
Dass im neuen Hafenwohngebiet der Bezug zum Wasser präsent ist, liegt an der Verschiedenartigkeit der Architekturen, aber auch an der Zugänglichkeit. Die Bauten schotten sich nicht ab, die meisten öffnen sich und halten die Balance aus Innenhof-ähnlicher Intimität und einladender Durchlässigkeit. Demnächst soll im Quartier das höchste Gebäude Dänemarks mit 120 Meter Höhe entstehen, ein weiteres Leuchtturmprojekt. Alltagseinrichtungen wie Supermärkte, Bäckereien, Spielplätze und Gastronomie sind rar gesät. Cafés und Restaurants sind auf der anderen, stadtnahen Seite am Fiskerikajen geplant. Die Entstehung eines neuen Stadtquartiers für über 10.000 Menschen brauche Zeit, so Stephan Willacy, der Stadtarchitekt. Er konstatiert: "Das hier hatte mehrere Jahrhunderte Zeit, um zu wachsen und zu entstehen", und zeigt im Stadtmodell im Rathaus auf die Innenstadt rund um den Bahnhof, um in der nächsten Handbewegung auf den Hafen zu zeigen. "Das hier jedoch ist erst seit Kurzem da, das Dokk1, Navitas und Aarhus Ost. Auch dass das Grün noch fehlt, liegt schlicht daran, dass Bäume einfach Zeit brauchen, um zu wachsen."

The Architecture Project.  Mit CEO Carina Serritzlew (re.) und Signe Marie Davidsen, verantwortlich auch für das Festival Rising Architecture, vom 11. bis 15. September 2017 in Godsbanen, Aarhus.
The Architecture Project Mit CEO Carina Serritzlew (re.) und Signe Marie Davidsen, verantwortlich auch für das Festival Rising Architecture, vom 11. bis 15. September 2017 in Godsbanen, Aarhus. © Jan Dimog
Knotenpunkt.  Das von Schmidt Hammer Lassen entworfene Zentrum und Tor zum Hafenquartier Ø (Aarhus Ost).
Knotenpunkt Das von Schmidt Hammer Lassen entworfene Zentrum und Tor zum Hafenquartier Ø (Aarhus Ost). © Jan Dimog
Bibliothek.  Das Dokk1 ist unter anderem Bürgeramt, Bürogebäude und beherbergt die größte Bibliothek Skandinaviens.
Bibliothek Das Dokk1 ist unter anderem Bürgeramt, Bürogebäude und beherbergt die größte Bibliothek Skandinaviens. © Jan Dimog
Navitas.  Das Lehr- und Forschungszentrum. Entworfen von Kjær & Richter in Kooperation mit Christensen & Co., Fertigstellung 2014.
Navitas Das Lehr- und Forschungszentrum. Entworfen von Kjær & Richter in Kooperation mit Christensen & Co., Fertigstellung 2014. © Jan Dimog
The Salling Tower.  von Dorte Mandrup Arkitekter. Das Büro wurde von Dorte Mandrup-Poulsen 1999 gegründet und hat seinen Sitz in Kopenhagen. Sie hat Architektur an der Aarhus School of Architecture studiert und hat einige Jahre bei Henning Larsen Architects gearbeitet. Die Architektur des Büros zeichnet sich auch durch ein skulpturales Zusammenspiel von Formen und Materialien aus.
The Salling Tower von Dorte Mandrup Arkitekter. Das Büro wurde von Dorte Mandrup-Poulsen 1999 gegründet und hat seinen Sitz in Kopenhagen. Sie hat Architektur an der Aarhus School of Architecture studiert und hat einige Jahre bei Henning Larsen Architects gearbeitet. Die Architektur des Büros zeichnet sich auch durch ein skulpturales Zusammenspiel von Formen und Materialien aus. © Jan Dimog
The Salling Tower.  ist der Aussichtsturm des neuen Stadtteils am Wasser.
The Salling Tower ist der Aussichtsturm des neuen Stadtteils am Wasser. © Jan Dimog
The Salling Tower.  Der Stahlturm erinnert an die Faltkunst Origami.
The Salling Tower Der Stahlturm erinnert an die Faltkunst Origami. © Jan Dimog
The Salling Tower.  Kreisrunde Ausschnitte und Kanten: der Blick auf die Kräne des neuen Containerterminals. Dazu die Architektin: "We always attempt to work with a material and try to see what it can do in relation to the sculptural or in relation to the place."
The Salling Tower Kreisrunde Ausschnitte und Kanten: der Blick auf die Kräne des neuen Containerterminals. Dazu die Architektin: "We always attempt to work with a material and try to see what it can do in relation to the sculptural or in relation to the place." © Jan Dimog
Die Achsen.  verbinden das neue Hafenquartier mit der Innenstadt. Bezugspunkt ist der Dom von Aarhus.
Die Achsen verbinden das neue Hafenquartier mit der Innenstadt. Bezugspunkt ist der Dom von Aarhus. © Jan Dimog
Der Eisberg.  wurde von den vier Architekturbüros Julien de Smedt JDS (Kopenhagen), Louis Paillard (Paris),  SeArch (Amsterdam) und CEBRA (Aarhus) entworfen.
Der Eisberg wurde von den vier Architekturbüros Julien de Smedt JDS (Kopenhagen), Louis Paillard (Paris), SeArch (Amsterdam) und CEBRA (Aarhus) entworfen. © Jan Dimog
Der Eisberg.  Der "Eisberg" oder auch "Isbjerget" bildete den ersten Baustein des neu gestalteten Hafenviertels. Gesamtwohnfläche: 25.000 Quadratmeter.
Der Eisberg Der "Eisberg" oder auch "Isbjerget" bildete den ersten Baustein des neu gestalteten Hafenviertels. Gesamtwohnfläche: 25.000 Quadratmeter. © Jan Dimog
Der Eisberg.  Die weißen Fassaden sind in ein Raster aus Dreiecken eingeteilt und ...
Der Eisberg Die weißen Fassaden sind in ein Raster aus Dreiecken eingeteilt und ... © Jan Dimog
Der Eisberg.  ... werden durch weit auskragende Balkone durchbrochen. Diese sind mit kristallblauem Glas verkleidet und spielen damit auf die namensgebenden Eisberge an.
Der Eisberg ... werden durch weit auskragende Balkone durchbrochen. Diese sind mit kristallblauem Glas verkleidet und spielen damit auf die namensgebenden Eisberge an. © Jan Dimog
Der Eisberg.  Die Stadt hat für ein Drittel der Wohnungen eine Mietpreisobergrenze festgelegt mit dem Ziel der sozialen Durchmischung. Die weiße Metalldeckung der großen Dachflächen ist mit Titandioxid beschichtet, die Schadstoffe aus der Luft filtern.
Der Eisberg Die Stadt hat für ein Drittel der Wohnungen eine Mietpreisobergrenze festgelegt mit dem Ziel der sozialen Durchmischung. Die weiße Metalldeckung der großen Dachflächen ist mit Titandioxid beschichtet, die Schadstoffe aus der Luft filtern. © Jan Dimog
Der Eisberg.  Jede der 11 Spitzen ist anders. Je nach Standort ergeben sich so spannende Ein- und Durchsichten. Die internationale Zusammenarbeit basierte auf der Idee der europäischen Ideale der Völkerverständigung, die mit skandinavischen Werten und Eigenschaften verbunden werden sollte. Anfang 2010 begannen die Bauarbeiten, 2013 zogen die ersten Bewohner ein.
Der Eisberg Jede der 11 Spitzen ist anders. Je nach Standort ergeben sich so spannende Ein- und Durchsichten. Die internationale Zusammenarbeit basierte auf der Idee der europäischen Ideale der Völkerverständigung, die mit skandinavischen Werten und Eigenschaften verbunden werden sollte. Anfang 2010 begannen die Bauarbeiten, 2013 zogen die ersten Bewohner ein. © Jan Dimog
Lighthouse.  Entworfen von 3XN. Die Architekten beschreiben ihr Projekt so: "Openness, vividness and multiplicity characterize the Lighthouse which is mix a high-rise structure with small groups of terraced houses to ensure smaller community ambiance and safety."
Lighthouse Entworfen von 3XN. Die Architekten beschreiben ihr Projekt so: "Openness, vividness and multiplicity characterize the Lighthouse which is mix a high-rise structure with small groups of terraced houses to ensure smaller community ambiance and safety." © Jan Dimog
Lighthouse.  Auch der Entwurf von 3XN hat, ähnlich wie der Eisberg, Sozialwohnungen und Eigentumsappartments.
Lighthouse Auch der Entwurf von 3XN hat, ähnlich wie der Eisberg, Sozialwohnungen und Eigentumsappartments. © Jan Dimog
Lighthouse.  Die geschwungene Form der Loggienfassade soll, so die Planer, das nahe Wasser reflektieren und ihre Wellenbewegung aufnehmen.
Lighthouse Die geschwungene Form der Loggienfassade soll, so die Planer, das nahe Wasser reflektieren und ihre Wellenbewegung aufnehmen. © Jan Dimog
Lighthouse.  Das Projekt wurde 2012 fertiggestellt und hat eine Gesamtfläche von 63.000 Quadratmeter.
Lighthouse Das Projekt wurde 2012 fertiggestellt und hat eine Gesamtfläche von 63.000 Quadratmeter. © Jan Dimog
Fassadenspiel.  Am Jachthafen des Hafenquartiers.
Fassadenspiel Am Jachthafen des Hafenquartiers. © Jan Dimog
Himmel über Aarhus.  Der Blick vom Den Permanente-Strand etwa 10 Minuten mit dem Fahrrad vom Nordhavnen entfernt, dem Jachthafen im neuen Quartier.
Himmel über Aarhus Der Blick vom Den Permanente-Strand etwa 10 Minuten mit dem Fahrrad vom Nordhavnen entfernt, dem Jachthafen im neuen Quartier. © Jan Dimog

"Visible from afar, the work divides Aarhus into various colour zones and acts as a beacon for people moving about the city ..."

Studio Olafur Eliasson über Your rainbow panorama, 2011

Wir verlassen das Wasserquartier und wenden uns vier Arealen zu, die zum einen für 500 Jahre Stadtkultur, zum anderen für den Aarhuser Architekturaufschwung stehen. Denn auch an anderen Stellen ist Architektur mit Anspruch entstanden. Dazu geht es zurück in die Innenstadt am Rathaus vorbei zu dem Gebäude, das Aarhus auf die internationale Kultur- und Kunstkarte gesetzt hat: das ARoS. Das zentrale Kunstmuseum der Stadt ist zugleich eins der größten in Nordeuropa. Es vereint Räume für Sonderausstellungen und die "Neun Räume" mit internationaler Installationskunst. Die großen Säle der oberen Etagen beherbergen die Kunstsammlungen des Museums ab dem 19. Jahrhundert. Der wortwörtliche Höhepunkt ist die Installation Your rainbow panorama von Olafur Eliasson. Mit seinem Studio hatte der dänisch-isländische Künstler 2007 den Wettbewerb für die Umwandlung des Dachs des ARoS gewonnen. 2011 war Your rainbow panorama fertiggestellt: eine 150 Meter lange ringförmige Skulptur mit 116 individuellen Scheiben in 42 Farben. Der begehbare, drei Meter breite und drei Meter hohe Rundweg leuchtet in allen Facetten des Farbspektrums. Er ruht auf schlanken Säulen etwa drei Meter über der Dachterrasse und ragt mit seinen 52 Meter Durchmesser über die Seiten des ARoS hinaus. Diese Krönung kontrastiert mit dem eher nüchternen Backsteinbau von Schmidt Hammer Lassen, der im Inneren mit seinem schwungvollen Treppenturm den Regenbogen auf dem Dach andeutet. Das Spiel mit Farben und Formen, der weite Rundumblick, die Verbindung aus Architektur und Kunst – das alles macht das ARoS zu einem spektakulären Bau, das sich als Kunstmuseum zu einem der besucherstärksten Häuser in Skandinavien entwickelt hat. 2015 kamen knapp 820.000 Menschen.
Im zweiten Teil geht es jahrhundertealte Stadtkultur, die Lern- und Forschungsstadt von Arkitema und den beeindruckend vergrabenen Kantenbau von Henning Larsen Architects südlich von Aarhus.

ARoS.  Der charakteristische Treppenturm im Kunstmuseum, entworfen vom Aarhuser Büro Schmidt Hammer Lassen.
ARoS Der charakteristische Treppenturm im Kunstmuseum, entworfen vom Aarhuser Büro Schmidt Hammer Lassen. © Jan Dimog
ARoS.  Die Your rainbow panorama-Installation von Olafur Eliasson ...
ARoS Die Your rainbow panorama-Installation von Olafur Eliasson ... © Jan Dimog
ARoS.  ... eine 150 Meter lange ringförmige Skulptur mit 116 individuellen Scheiben in 42 Farben.
ARoS ... eine 150 Meter lange ringförmige Skulptur mit 116 individuellen Scheiben in 42 Farben. © Jan Dimog
ARoS.  Der begehbare, drei Meter breite und drei Meter hohe Rundweg leuchtet in allen Facetten des Farbspektrums.
ARoS Der begehbare, drei Meter breite und drei Meter hohe Rundweg leuchtet in allen Facetten des Farbspektrums. © Jan Dimog
ARoS.  Farbiger Durchblick für die Reporter und Blogger Jan Dimog und Karen Grunow auf über 50 Meter Höhe, hoch über der Innenstadt von Aarhus.
ARoS Farbiger Durchblick für die Reporter und Blogger Jan Dimog und Karen Grunow auf über 50 Meter Höhe, hoch über der Innenstadt von Aarhus. © Jan Dimog

"For me, architecture is more about creating spaces and environments that accommodate the people working and living in them. All through the process it is important for us as well as the client to have an environment that is inspiring and designed with the human being in full focus. I believe that architecture creates behavior."

Kim Herforth Nielsen, Gründer und Geschäftspartner von 3XN

Unsere redaktionell unabhängige Recherchereise wurde von VisitAarhus und VisitDenmark ermöglicht und unterstützt. Zum zweiten Teil der Reportage: hier.

Von Jan Dimog Autor, Redakteur und (Foto)Journalist, veröffentlicht am .