Teil 1 unserer Sakralbau-Geschichte „Göttliche Torten, himmlische Zitronenpressen“: hier.

Der Baum

Die Kirche der Katholischen Hochschulgemeinde in Köln ist nicht gefällig, harmonisch oder heiter. Sie ist brutal, zeichenhaft und direkt. Ein Geäst aus Stahlbeton umklammert das zerbrechliche Glas, strebt nicht in den Himmel sondern duckt sich und gräbt sich ins Erdreich. Der Architekt Heinz Buchmann und der Bildhauer Josef Rikus modellierten eine Raumskulptur als Metapher des Irdischen. Ein konstruktivistisches Geäst aus Beton durchbricht die massive Bodenplatte, verzweigt sich an der Oberfläche und schwebt gefällig über dem stufenlosen, höhlenartigen Betraum. Ein wahrhaft atemraubender Bau.

Kirche der katholischen Hochschulgemeinde.  Heinz Buchmann und Josef Rikus. Baujahr: 1969. Berrenrather Str. 127, 50937 Köln
Kirche der katholischen Hochschulgemeinde Heinz Buchmann und Josef Rikus. Baujahr: 1969. Berrenrather Str. 127, 50937 Köln © Hendrik Bohle
Kirche der katholischen Hochschulgemeinde.  Brutal, zeichenhaft, direkt
Kirche der katholischen Hochschulgemeinde Brutal, zeichenhaft, direkt © Jan Dimog
Kirche der katholischen Hochschulgemeinde.  Geäst aus Stahlbeton
Kirche der katholischen Hochschulgemeinde Geäst aus Stahlbeton © Jan Dimog
Kirche der katholischen Hochschulgemeinde.  Der Architekt Heinz Buchmann und ...
Kirche der katholischen Hochschulgemeinde Der Architekt Heinz Buchmann und ... © Jan Dimog
Kirche der katholischen Hochschulgemeinde.  ... der Bildhauer Josef Rikus modellierten eine Raumskulptur als Metapher des Irdischen.
Kirche der katholischen Hochschulgemeinde ... der Bildhauer Josef Rikus modellierten eine Raumskulptur als Metapher des Irdischen. © Jan Dimog
Kirche der katholischen Hochschulgemeinde.  Konstruktivistisch und massiv
Kirche der katholischen Hochschulgemeinde Konstruktivistisch und massiv © Jan Dimog
Kirche der katholischen Hochschulgemeinde.  Roh und fein zugleich
Kirche der katholischen Hochschulgemeinde Roh und fein zugleich © Hendrik Bohle
Kirche der katholischen Hochschulgemeinde.  Atemraubender Bau
Kirche der katholischen Hochschulgemeinde Atemraubender Bau © Hendrik Bohle

Der Berg

Sie ist die Diva des modernen Sakralbaus in Deutschland. Die Wallfahrtskirche Maria, Königin des Friedens in Neviges ist eine exzentrische Erscheinung. Manche sind sprachlos verzückt, andere finden sie „einfach hässlich“ (wie bei unserem Besuch erlebt). Für mich unbegreiflich. Schon von weitem imponiert das betongraue Gebirge. Ein Wallfahrtspfad führt über eine Treppenanlage an aufgeständerten Funktionsräumen zum Haupteingang der Kirche. Der Eingang erscheint niedrig angesichts des darüber aufgetürmten Massivs. Erst einmal durchgeschlüpft, braucht das Auge ein wenig, um sich an die Dunkelheit zu gewöhnen. Doch dann treffen einen die 30 Meter hohe Betonfaltendecke und die Böhmschen Reflektionen der starkfarbigen Fenster mit voller Wucht.

Katholische Wallfahrtskirche Maria, Königin des Friedens.  Gottfried Böhm, Baujahr: 1968. Elberfelder Str. 12, 42553 Velbert-Neviges
Katholische Wallfahrtskirche Maria, Königin des Friedens Gottfried Böhm, Baujahr: 1968. Elberfelder Str. 12, 42553 Velbert-Neviges © Jan Dimog
Katholische Wallfahrtskirche Maria, Königin des Friedens.  Die Diva des modernen Sakralbaus
Katholische Wallfahrtskirche Maria, Königin des Friedens Die Diva des modernen Sakralbaus © Hendrik Bohle
Katholische Wallfahrtskirche Maria, Königin des Friedens.  Exzentrisch
Katholische Wallfahrtskirche Maria, Königin des Friedens Exzentrisch © Hendrik Bohle
Katholische Wallfahrtskirche Maria, Königin des Friedens.  Aufgetürmt
Katholische Wallfahrtskirche Maria, Königin des Friedens Aufgetürmt © Jan Dimog
Katholische Wallfahrtskirche Maria, Königin des Friedens.  Betongraues Gebirge
Katholische Wallfahrtskirche Maria, Königin des Friedens Betongraues Gebirge © Jan Dimog
Katholische Wallfahrtskirche Maria, Königin des Friedens.  Die 30 Meter hohe Betonfaltendecke ...
Katholische Wallfahrtskirche Maria, Königin des Friedens Die 30 Meter hohe Betonfaltendecke ... © Hendrik Bohle
Katholische Wallfahrtskirche Maria, Königin des Friedens.  ... und die Böhmschen Reflektionen der starkfarbigen Fenster ...
Katholische Wallfahrtskirche Maria, Königin des Friedens ... und die Böhmschen Reflektionen der starkfarbigen Fenster ... © Hendrik Bohle
Katholische Wallfahrtskirche Maria, Königin des Friedens.  ... treffen einen mit voller Wucht.
Katholische Wallfahrtskirche Maria, Königin des Friedens ... treffen einen mit voller Wucht. © Hendrik Bohle

Die Skulptur

In Köln baute Böhm die katholische Kirche Christi Auferstehung. Der skulpturale Bau steht erhöht in der Flucht des Clarenbachkanals, der zum Aachener Weiher führt. Der Bau ist vielfach in sich verschachtelt. Eine Treppe windet sich außen um den Glockenturm. Kunstvoll verbinden sich grauer Beton und roter Ziegel an der Fassade und im Innenraum. Die verschiedenen Nischen und Räume dienen unterschiedlichen Aufgaben der katholischen Liturgie. Im ursprünglich als Taufkapelle gedachten Raum wurde eine Gedenkkapelle für die selig gesprochene Edith Stein eingerichtet. Die deutsche Philosophin und Frauenrechtlerin jüdischer Herkunft gilt als Brückenbauerin zwischen Christen und Juden. Sie starb am 9. August 1942 im KZ Ausschwitz-Birkenau.

Christi Auferstehung Kirche.  Gottfried Böhm, Baujahr: 1970. Brucknerstraße, 50931 Köln
Christi Auferstehung Kirche Gottfried Böhm, Baujahr: 1970. Brucknerstraße, 50931 Köln © Jan Dimog
Christi Auferstehung Kirche.  Skulptural und erhöht
Christi Auferstehung Kirche Skulptural und erhöht © Jan Dimog
Christi Auferstehung Kirche.  Kunstvoll verbinden sich grauer Beton und roter Ziegel an der Fassade und im Innenraum.
Christi Auferstehung Kirche Kunstvoll verbinden sich grauer Beton und roter Ziegel an der Fassade und im Innenraum. © Jan Dimog

Das Buch

Im Rahmen der Internationalen Bauausstellung IBA Emscher Park (1989-1999) schuf der israelische Land Art-Künstler Dani Karavan im Duisburger Innenhafen den Garten der Erinnerung. Grün- und Wasserflächen und künstliche Ruinen einer abgerissenen Lagerhalle korrespondieren mit den Betonarmen des Jüdischen Gemeindezentrums des Berliner Dekonstruktivisten Zvi Hecker. Fünf Achsen verweisen auf Duisburger Orte jüdischer Geschichte und darüber hinaus auf die fünf Bücher Mose. Wie ein aufgeschlagenes Buch greift die Betonkonstruktion in den Altstadtpark und schafft so einen Bezug zu Karavans Garten, den öffentlichen Raum und dem Hafenbecken. Sie soll zudem als Geste der ausgestreckten Hand die Offenheit des Judentums symbolisieren.

Synagoge und Jüdisches Gemeindezentrum.  Zvi Hecker, Baujahr: 1999. Springwall 16, 47051 Duisburg
Synagoge und Jüdisches Gemeindezentrum Zvi Hecker, Baujahr: 1999. Springwall 16, 47051 Duisburg © Hendrik Bohle
Synagoge und Jüdisches Gemeindezentrum.  Entwurfsskizze des Berliner Architekten Zvi Hecker
Synagoge und Jüdisches Gemeindezentrum Entwurfsskizze des Berliner Architekten Zvi Hecker © Zvi Hecker Architects
Synagoge und Jüdisches Gemeindezentrum.  Fünf Achsen verweisen auf Duisburger Orte jüdischer Geschichte und darüber hinaus auf die fünf Bücher Mose.
Synagoge und Jüdisches Gemeindezentrum Fünf Achsen verweisen auf Duisburger Orte jüdischer Geschichte und darüber hinaus auf die fünf Bücher Mose. © Zvi Hecker Architects

Das Holzhaus

Ein freistehender Glockenturm und eine breite Freitreppe markieren den Zugang zur evangelischen Brückenschlag-Gemeinde in Köln-Stammheim. Sauerbruch Hutton platzierten Kirche und Kapelle behutsam in einen bestehenden Baumhain, der heute für Veranstaltungen dient. Die schlichten Bauten wurden aus vorgefertigten Holztafel-Elementen errichtet und von außen mit einer diagonalen Holzschalung aus sibirischer Lärche verkleidet und grau lasiert. Der Innenraum ist minimalistisch. Ein raumhoher Screen aus 3.800 farbigen Holzlamellen in 27 verschiedenen Farben erhebt sich hinter dem Altar. Ihm gegenüber eine mattierte Scheibe, auf der sich das Schattenspiel der davorstehenden Bäume abzeichnet. Ein magischer Raum.

Immanuelkirche.  Sauerbruch Hutton. Fertigstellung: 2013. Bonhoefferstraße 8, 51061 Köln
Immanuelkirche Sauerbruch Hutton. Fertigstellung: 2013. Bonhoefferstraße 8, 51061 Köln © Margot Gottschling
Immanuelkirche.  Minimalistischer Innenraum
Immanuelkirche Minimalistischer Innenraum © Margot Gottschling
Immanuelkirche.  Ein raumhoher Screen aus 3.800 farbigen Holzlamellen in 27 verschiedenen Farben erhebt sich hinter dem Altar.
Immanuelkirche Ein raumhoher Screen aus 3.800 farbigen Holzlamellen in 27 verschiedenen Farben erhebt sich hinter dem Altar. © Margot Gottschling

Die Moschee

Moscheen fristen in Deutschland oft ein Hinterhofdasein. Bloß nicht auffallen, ist die langläufige Meinung, bloß nicht zu viel Raum einräumen. Wieso eigentlich? Gehört der Islam doch lange schon zu Deutschland und Europa. Da helfen Dummheit, Ignoranz und Arroganz nicht weiter. In Köln wird gerade an prominenter Stelle ein zeitgenössischer Moscheekomplex fertiggestellt. Gewohnt hell und exzentrisch ist die Architektursprache aus dem Hause Böhm. Zum Glück kein neo-osmanischer Zuckerbau. Ob die DITIB-Gemeinde genauso transparent und offen ist wie die Architektur ihrer Zentralmoschee wird sich zeigen. Torheiten gibt es leider auf allen Seiten.

DITIB-Zentralmoschee.  Gottfried und Paul Böhm. Fertigstellung: 2017. Venloer Str. 160, 50823 Köln
DITIB-Zentralmoschee Gottfried und Paul Böhm. Fertigstellung: 2017. Venloer Str. 160, 50823 Köln © Hendrik Bohle
DITIB-Zentralmoschee.  Transparenz und Offenheit
DITIB-Zentralmoschee Transparenz und Offenheit © Jan Dimog
DITIB-Zentralmoschee.  Kantig und massiv
DITIB-Zentralmoschee Kantig und massiv © Jan Dimog
DITIB-Zentralmoschee.  Und zum Glück kein neo-osmanischer Zuckerbau.
DITIB-Zentralmoschee Und zum Glück kein neo-osmanischer Zuckerbau. © Hendrik Bohle

Von Hendrik Bohle Architekt, Autor und Stadtforscher, veröffentlicht am .