"Nachhaltige ästhetische Lebensräume zu schaffen, bringt mir persönlich Lebensfreude und Lebensqualität."

Stéphane Erulin, bretonischer Zimmermeister aus Köln

1. Bitte beschreiben Sie die Philosophie Ihrer Arbeit. Wie hat Sie die Walz durch Französisch Guyana, Frankreich und andere europäische Länder geprägt?

Meine Arbeitsphilosophie entspricht meiner Lebensphilosophie, welche darin besteht das Leben zu genießen und mit allen Sinnen wahrzunehmen. Arbeit ist ein Bestandteil unseres Lebens und als ganzheitliches Lebewesen kann ich Arbeit und private Lebensweise bzw. -einstellung nicht trennen. So zielt meine Arbeit darauf ab, das Leben meiner Kunden lebenswerter zu machen, indem ich Lebens(t)räume schaffe und mir selber Lebensfreude bereite.
Gerade das Zuhause ist ein höchst persönlicher und wichtiger Bestandteil unseres Lebens und sollte das Leben angenehm gestalten und Wohlsein fördern. Neben Ästhetik spielen hierbei für mich auch die gesundheitlichen Aspekte von Wohnraum eine entscheidende Rolle. Die richtige Gestaltung von Wohnraum und die Verwendung natürlicher schadstofffreier Baustoffe stehen hierbei im Mittelpunkt.
Nicht zuletzt darf man seine Existenz und Verantwortlichkeit nicht nur auf den eigenen Mikrokosmos beschränken. Gerade in einer globalisierten Welt tragen wir alle Verantwortung für den Fortbestand unserer Erde und damit verbunden die Zukunft unserer Kinder. Deshalb habe ich mich von Anfang an auf ökologischen Holzbau mit nachhaltigen Baustoffen spezialisiert. Nachhaltige ästhetische Lebensräume zu schaffen, bringt mir persönlich Lebensfreude und Lebensqualität.
Meine Walz durch Französisch Guyana, Frankreich sowie viele andere europäische Länder hat mich in dieser Haltung bestärkt, zeigte sie mir nicht nur die Schönheit unseres Planeten, sondern brachte mich auch in Kontakt mit vielen unterschiedlichen Kulturen. Während dieser Zeit konnte ich vor allem die weltweit vorhandene und Jahrhunderte alte Tradition in der Nutzung des nachhaltigen Rohstoffes Holz in unterschiedlichen Kulturen erfahren – Wissen, welches in modernen Industriegesellschaften lange verloren gegangen war.

2. Warum arbeiten Sie mit Holz?

Bereits im Kindesalter habe ich mich für den Werkstoff Holz begeistert. Seine Wärme und schier unfassbare Fülle von positiven Eigenschaften begeistern mich bis heute. Jedes Holz hat seinen eigenen „Charakter“ seinen eigenen Duft, seine eigene Farbe und Maserung sowie seine speziellen Eigenschaften. In diesem Sinne ist Holz nicht nur ein fantastischer nachhaltiger Rohstoff, sondern auch ein „sinnlicher“ Rohstoff. Ökologischer Holzbau macht Leben vielfältiger und schafft durch die gezielte Nutzung von Hölzern ein eigenes Raumklima. Dazu kommen die vielen anderen Eigenschaften, welche Holz unfassbar vielseitig machen. In Zeiten von Kunststoffen, Metall und Beton, haben viele Kulturen schlichtweg vergessen, welch fantastischer Werkstoff Holz eigentlich ist. Zum Glück hat mittlerweile ein Umdenken eingesetzt.

3. Sie beschreiben sich als eine Mischung aus französischem Lebensstil und deutscher Gründlichkeit: bitte beschreiben Sie an einem Beispielprojekt wie das funktioniert und was Ihre Kunden daran begeistert.

Aufgrund meiner Walz und als „Wanderer“ zwischen den Kulturen spiele ich gerne auf die üblichen Vorurteile an. Natürlich sind französische Handwerker schon immer gründlich gewesen. Wer sich ein Bild hiervon machen will, sollte einmal das Museum in Tours besuchen. Dies ist also keine alleinige Tugend meiner deutschen Kollegen. Und wir Franzosen frönen ebenfalls nicht nur gutem Essen und Wein. Allerdings sehen Franzosen nicht immer alles gleich verbissen. Gerade in stressigen Situationen reagieren wir oftmals gelassener und bewahren unsere Freundlichkeit. Denn französischer Lebensstil bedeutet nicht nur die Kunst das Leben und die Schönheit zu genießen, sondern vor allem Begeisterungsfähigkeit, Toleranz und Freundlichkeit im Umgang miteinander. Hierzu gehört auch die Loyalität im Team und zum Kunden, was die Durchführung von Projekten für alle Seiten angenehm gestaltet.

Gerade in hektischen Situationen auf der Baustelle oder bei unerwarteten Schwierigkeiten und bei überraschenden Änderungswünschen, bringt diese freundliche Gelassenheit Vorzüge gegenüber einer verbissenen Sachlichkeit. Jeder Handwerker kennt diese Situationen und sie treten eigentlich immer wieder auf, so dass man kein konkretes Beispiel nennen braucht. Für den Kunden bringt diese Kombination den Vorteil, dass er wirklich im Mittelpunkt steht und ich immer einen Weg suche, ihn glücklich zu machen und zufrieden zu stellen. Gegenseitige Fairness vorausgesetzt, wird dem Kunden hierdurch die notwendige Wertschätzung entgegengebracht und viele Freiheitsgrade eingeräumt. Als Experte sehe ich mich in der Rolle eines Beraters, welche die Bedürfnisse und Wünsche des Kunden zum Ausdruck bringt. Bedingt durch den kulturellen Mix versuche ich hierbei meine Lebensfreude und Verbundenheit mit der Natur auch in meinen Werken als Mischung von Eleganz und Funktionalität ebenfalls zum Ausdruck zu bringen, was meine Kunden sehr an mir schätzen.

4. Mit Ihrer Arbeit am Feldhof in Bachem nach einer Planung des Kölner Büros Lüderwaldt Architekten wurden Sie 2015 für den Deutschen Holzbaupreis nominiert. Was war die besondere Herausforderung bei diesem Projekt und welche Rolle spielte des Bauen im Bestand?

Feldhof war in vielerlei Hinsicht ein besonderes Projekt, galt es doch im Bestand neuen attraktiven Lebensraum zu schaffen. Die Erhaltung der historischen Substanz und die Umgestaltung unter ästhetischen Aspekten, unter Wahrung modernster Wohnraumanforderungen, wurden vom Team erfolgreich gemeistert. Vor allem ist Bauen im Bestand nicht nur unter historischen, sondern auch ökologischen Gesichtspunkten äußerst wertvoll, da es gelebte Nachhaltigkeit darstellt.
Hierbei mussten viele Herausforderungen gemeistert werden, galt es doch das Fachwerk zu erhalten, wofür dieses umfangreich umwelttechnisch saniert werden musste, da man in der Vergangenheit bei dessen früherer Konservierung noch keine Kenntnisse über die darin enthaltenen Stoffe hatte. Eine weitere Herausforderung stellten die räumlichen Beschränkungen dar, welche eine extrem präzise Planung notwendig machten. Mit Hilfe modernster Technik musste z.B. der Aufbau des Holzhauses als „Haus in der Scheune“ simuliert werden, um die Baugruppen so zu gestalten, dass sie letztendlich innerhalb der Scheune effizient und zeitsparend aufgebaut werden konnten. Gleiches galt für die Treppenkonstruktionen in den jeweiligen Häusern des Feldhofes. Die Verbindung moderner sachlicher Architektur mit den historischen Komponenten der ursprünglichen Dachstuhlkonstruktionen, sowie Fachwerke bereitete mir besondere Freude. Ebenso die Verwendung nachhaltiger und ökologisch wertvoller Bau- und Dämmstoffe. Feldhof ist für mich ein exzellentes Beispiel dafür, dass modernster Wohnraum mit ökologischen Baustoffen geschaffen werden kann.

5. Wo ist Ihr Lieblingsort in Ihrer Heimat und außerhalb? Warum?

Ich persönlich sehe mich als Kosmopolit. Die Liebe zu meiner Frau, hat mich nach Köln geführt und ich habe Köln ebenfalls in mein Herz geschlossen. Köln ist für mich eine wunderbare Mischung aus Weltstadt und provinziellem Charme. Anders als in anderen Metropolen herrscht hier keine Anonymität. Man wird an und aufgenommen und hat Kontakt zu seinem Umfeld. Hierbei kommt Köln seine traurige historische Rolle als eine in ihrer Geschichte immer wieder besetzte Stadt zu gute. Hier haben nicht nur Römer, Franken, Karolinger, Franzosen und Engländer kulturelle Spuren hinterlassen. Köln ist im positiven Sinne multikulturell und besticht dadurch, dass die Kölner das Beste aus jeder Besatzungszeit übernommen haben. In diesem Sinne ist Köln eine weltweit einzigartige Stadt, in der ich gerne lebe und arbeite.

Ansonsten folge ich gerne den bretonischen Wurzeln meiner Familie. Die Bretagne, welche lange für die meisten feingeistigen Franzosen als grobschlächtig galt, bietet unberührte Natur pur. Dort kann man die Elemente und die Einzigartigkeit der Natur am eigenen Leib erfahren. Wind, Wellen, Felsen und mystische Landschaften – der Duft des Meeres, welcher Geschichten erzählt. Auch dies ist meine Heimat und vielleicht Grund dafür, dass ich Zimmerermeister geworden bin. Denn oft blickte ich auf das Meer hinaus und träumte Schiffszimmermann zu sein.

"Köln ist für mich eine wunderbare Mischung aus Weltstadt und provinziellem Charme."

Stéphane Erulin
Feldhof in Bachem. Der ehemalige Vierseithof wurde in sechsjähriger Bauzeit nach Planungen des Kölner Büros Lüderwaldt Architekten in enger Abstimmung der einzelnen Planer und Handwerker zu einer Wohnanlage umgebaut. Die Bauleistungen Zimmerei und Ingenieurholzbau wurden von der Zimmerei Stéphane Erulin durchgeführt.
Feldhof in Bachem Der ehemalige Vierseithof wurde in sechsjähriger Bauzeit nach Planungen des Kölner Büros Lüderwaldt Architekten in enger Abstimmung der einzelnen Planer und Handwerker zu einer Wohnanlage umgebaut. Die Bauleistungen Zimmerei und Ingenieurholzbau wurden von der Zimmerei Stéphane Erulin durchgeführt. © Tohma
Feldhof in Bachem. Die Bestandsgebäude wurden rückgebaut, sensibel saniert und durch Neubauten in Holzbauweise ergänzt.
Feldhof in Bachem Die Bestandsgebäude wurden rückgebaut, sensibel saniert und durch Neubauten in Holzbauweise ergänzt. © Stéphane Erulin
Feldhof in Bachem. Eine der vielen Herausforderungen war das Fachwerk zu erhalten und umwelttechnisch zu sanieren.
Feldhof in Bachem Eine der vielen Herausforderungen war das Fachwerk zu erhalten und umwelttechnisch zu sanieren. © Stéphane Erulin
Feldhof in Bachem. Die Beschränkung auf wenige Materialien, deren aufeinander abgestimmte Farbigkeit und einige übergreifend wirksame Details tragen zu einer gelungenen Gesamtkomposition bei.
Feldhof in Bachem Die Beschränkung auf wenige Materialien, deren aufeinander abgestimmte Farbigkeit und einige übergreifend wirksame Details tragen zu einer gelungenen Gesamtkomposition bei. © Stéphane Erulin
Feldhof in Bachem. Die Treppenkerne wurden in der Werkstatt gefertigt und vor Ort vollständig montiert.
Feldhof in Bachem Die Treppenkerne wurden in der Werkstatt gefertigt und vor Ort vollständig montiert. © Stéphane Erulin
neo_leo. Lüderwaldt Architekten und Erulin arbeiteten bereits ähnlich erfolgreich beim Kölner Projekt neo_leo zusammen. Hier verwandelt eine in der Schreinerwerkstatt komplett vorgefertigte und mit einem Kran durch das geöffnete Dach eingehobene hochformatige Holzkiste aus großformatigen Tafeln die Obergeschosse eines Gründerzeithauses in eine Wohnung über drei Etagen.
neo_leo Lüderwaldt Architekten und Erulin arbeiteten bereits ähnlich erfolgreich beim Kölner Projekt neo_leo zusammen. Hier verwandelt eine in der Schreinerwerkstatt komplett vorgefertigte und mit einem Kran durch das geöffnete Dach eingehobene hochformatige Holzkiste aus großformatigen Tafeln die Obergeschosse eines Gründerzeithauses in eine Wohnung über drei Etagen. © Stéphane Erulin
neo_leo. Die wie Möbel verzapften und gedübelten Platten bilden eine eigenständige, selbst aussteifende Konstruktion.
neo_leo Die wie Möbel verzapften und gedübelten Platten bilden eine eigenständige, selbst aussteifende Konstruktion. © Stéphane Erulin
neo_leo. Die Treppe ist zugleich ein Wohnmöbel und dient auf dem Weg durch die drei Ebenen als Geländer, Raumteiler, Schrank, Regal.
neo_leo Die Treppe ist zugleich ein Wohnmöbel und dient auf dem Weg durch die drei Ebenen als Geländer, Raumteiler, Schrank, Regal. © Stéphane Erulin
neo_leo. Sie gibt der Wohnung als orangerot leuchtende Skulptur einen neuen Mittepunkt und endet unter einem Oberlicht in einem großzügig verglasten Studio im Dachgeschoss. Das Projekt erhielt 2006 den Holzbaupreis NRW sowie den Kölner Architekturpreis.
neo_leo Sie gibt der Wohnung als orangerot leuchtende Skulptur einen neuen Mittepunkt und endet unter einem Oberlicht in einem großzügig verglasten Studio im Dachgeschoss. Das Projekt erhielt 2006 den Holzbaupreis NRW sowie den Kölner Architekturpreis. © Stéphane Erulin
neo_leo. Der Meister bei der Arbeit an einer Treppe für das Haus Hager.
neo_leo Der Meister bei der Arbeit an einer Treppe für das Haus Hager. © Stéphane Erulin
Stéphane Erulin. Zimmermeister und bretonischer Kosmopolit aus Köln
Stéphane Erulin Zimmermeister und bretonischer Kosmopolit aus Köln

"... Jedes Holz hat seinen eigenen „Charakter“ seinen eigenen Duft, seine eigene Farbe und Maserung sowie seine speziellen Eigenschaften ... Seine Wärme und schier unfassbare Fülle von positiven Eigenschaften begeistern mich bis heute. "

Stéphane Erulin

Von Hendrik Bohle Architekt, Autor und Stadtforscher, veröffentlicht am .