Neues Bauen in Karlsruhe – Wenn Licht und Luft fließen
Reportage:
Redaktionell überarbeitet und aktualisiert am 10. September 2026.
Dammerstocksiedlung – Mustersiedlung des Neuen Bauens
Die denkmalgeschützte Dammerstocksiedlung zählt zu den bedeutendsten Zeugnissen des Neuen Bauens in Deutschland. Seit 1974 nutzt das Karlsruher Büro Rossmann + Partner das ehemalige Waschhaus. Das Zentralwaschhaus mit Fernheizwerk und die benachbarte Gaststätte bildeten nach Plänen von Otto Haesler das Zentrum der Anlage.
Die Siedlung sollte bezahlbaren Wohnraum für breite Bevölkerungsschichten schaffen. Größere Fenster, moderne Sanitäranlagen und eine konsequente Ausrichtung der Gebäude sorgten für Licht und Luft. Den Masterplan entwickelte Walter Gropius, der kurz zuvor die Leitung des Bauhauses abgegeben hatte.
Grundlage war ein 1928 von der Stadt Karlsruhe ausgeschriebener Wettbewerb für eine neuzeitliche Mustersiedlung. Gropius gewann, Otto Haesler belegte den zweiten Platz. In der Jury saßen unter anderem Ludwig Mies van der Rohe, Paul Schmitthenner und der Frankfurter Stadtbaurat Ernst May.
Als künstlerischer Leiter legte Gropius verbindliche Gestaltungsregeln fest: einfache Baukörper mit Flachdächern, einheitliche Geschosshöhen sowie vereinheitlichte Tür- und Fensterformate. Weiße Fassaden und graue Sockel verbanden die unterschiedlichen Entwürfe.
Vorgelagerte Gärten sollten der Erholung dienen. Vorgesehen waren Wohnungen mit 45, 60 und 70 Quadratmetern. An der Umsetzung beteiligten sich mehrere Wettbewerbsteilnehmer, darunter Wilhelm Riphahn und Caspar Maria Grod sowie verschiedene Karlsruher Architekten.
Im Januar 1929 begannen die Bauarbeiten. Bereits im Oktober waren 228 Wohnungen des ersten Bauabschnitts fertiggestellt. Sämtliche Gebäude entstanden als nord-südlich ausgerichtete Zeilenbauten. Unter dem Titel „Die Gebrauchswohnung“ zeigte die Karlsruher Bauausstellung 30 modern und zweckmäßig eingerichtete Kleinwohnungen.
Anfangs wurde die Siedlung als unästhetisches Armenviertel verspottet. Heute gehört sie wegen ihrer Wohnqualität und der starken Durchgrünung zu den beliebten Karlsruher Quartieren.
Dammerstocksiedlung
Das Zentralwaschhaus mit Fernheizwerk von Otto Haesler bildete gemeinsam mit der benachbarten Gaststätte das Zentrum der Dammerstocksiedlung.
Dammerstocksiedlung
Die ebenfalls von Otto Haesler entworfene Gaststätte gehörte zum gemeinschaftlichen Zentrum der Siedlung.
Dammerstocksiedlung
Seit 1974 nutzt das Architekturbüro Rossmann + Partner das ehemalige Waschhaus.
Dammerstocksiedlung
Zum 80-jährigen Jubiläum entstand 2009 eine Neuinterpretation des historischen Eingangspavillons. Im Hintergrund stehen Mehrfamilienhäuser von Wilhelm Riphahn und Caspar Maria Grod sowie von Walter Gropius.
Dammerstocksiedlung
Der Pavillon bildet wieder den Eingang zur Siedlung und informiert über ihre Geschichte. Kurt Schwitters gestaltete 1929 das Erscheinungsbild der Bauausstellung „Die Gebrauchswohnung“.
Dammerstocksiedlung
Das Laubenganghaus von Walter Gropius steht links im Bild. Das benachbarte Mehrfamilienhaus entstand später.
Dammerstocksiedlung
Ab 1949 wurde die Siedlung weitergebaut. Willi van den Kerkhoff griff mit seinen Laubenganghäusern Prinzipien des Neuen Bauens wieder auf.
Dammerstocksiedlung
Unter dem NS-Regime entstanden ab 1934 konventionelle Wohnhäuser mit geneigten Dächern. Gegenüber steht die 1936–1938 von Fridolin Bosch und Anton Ohnmacht errichtete St.-Franziskus-Kirche.
Dammerstocksiedlung
Der Systembruch ist auch in der Dammerstock-Siedlung abzulesen. Die Machthaber des Dritten Reichs verabscheuten die "fremdländische Architektur" und errichteten im 2. Bauabschnitt ausschließlich Häuser mit "heimischem Giebel" oder ersetzten die ehemaligen Flachdächer durch Schrägdächer, wie hier im Sperberweg gegenüber der 1936 errichteten St. Franziskus Kirche.
Alker-Block – Konservativ und modern zugleich
Zur gleichen Zeit entstand in der Karlsruher Südweststadt ein Wohnblock, der traditionelle und moderne Prinzipien verband. Der 1913 eröffnete Hauptbahnhof von August Stürzenacker lag bereits in unmittelbarer Nähe. Das angrenzende Quartier war seit dem Ersten Weltkrieg jedoch teilweise unbebaut geblieben.
Ein 1928 ausgeschriebener Ideenwettbewerb sollte die Lücke zwischen Ebert-, Klose-, Schnetzler- und Schwarzwaldstraße schließen. Gefordert waren eine neuzeitliche Grundrissorganisation und Fassadengestaltung. Zugleich sollten sich die drei- bis viergeschossigen Baukörper in die Umgebung einfügen.
Fritz Rößler gewann mit seinem Entwurf für das Baufeld III. Ein Jahr später erhielt der Karlsruher Architekt und Hochschullehrer Hermann Reinhard Alker den Auftrag für Planung und Ausführung. Dabei übernahm er wesentliche Teile der prämierten Konzeption Rößlers.
„Durch geschickte Einschnitte und Abstufungen des Wohnblocks nutzte Alker die Albwinde zur Belüftung des Hofs und der angrenzenden Wohnungen, wie schon beim fächerförmig angelegten Stadtgrundriss“, erklärt die Architektin und Alker-Kennerin Dorothea Roos.
Die Einschnitte und Staffelungen belichten und belüften den gemeinschaftlich genutzten Innenhof. Früher gehörten zu den Erdgeschosswohnungen außerdem kleine Nutzgärten. Flachdächer, klare Baukörper und eine sachliche Fassadengestaltung folgen den Prinzipien der Neuen Sachlichkeit. Die Grundform bleibt dagegen der traditionellen Blockrandbebauung verpflichtet. Auch die Wohnungsgrundrisse plante Alker vergleichsweise konservativ.
Die Drei- und Vierzimmerwohnungen verfügten über Bad, Küche, Warmwasser, elektrisches Licht und Heizgas. Loggien erweiterten viele Wohnungen. Schiebetüren ermöglichten flexible Raumverbindungen; einige Elternschlafzimmer erhielten ein direkt angeschlossenes Bad. Gute Belichtung, Durchlüftung und variable Grundrisse tragen bis heute zur Wohnqualität bei. Anders als in der Dammerstocksiedlung richteten sich die vergleichsweise hohen Mieten von Beginn an an einkommensstärkere Haushalte.
Alker-Block
Einschnitte und Staffelungen öffnen den Alker-Block zur Umgebung.
Alker-Block
Die Staffelungen verbessern die Belichtung und Durchlüftung des gemeinschaftlich genutzten Innenhofs und der angrenzenden Wohnungen.
Alker-Block
Zur Straße erscheint die traditionelle Blockrandbebauung sachlich und modern.
Alker-Block
Durchfahrten an den beiden Längsseiten erschließen den Innenhof.
Alker-Block
Die Ateliers an der Ebertstraße nutzten zunächst der mit Alker befreundete Maler Braun und der Grafiker Hermann Kupferschmid. Nach dem Zweiten Weltkrieg verband Egon Eiermann beide Räume zu seinem Architekturbüro.
Hochschulstadion – Tribünentempel aus Ziegel und Beton
Zu Alkers wichtigsten Karlsruher Bauten gehört der Tribünenbau des ehemaligen Hochschulstadions der Technischen Hochschule. Die zwischen 1924 und 1934 entstandene Anlage war Teil eines größeren städtebaulichen Konzepts, das nur teilweise verwirklicht wurde.
Der achsensymmetrische Ziegelbau wirkt klar und zurückhaltend. Erst aus der Nähe wird sichtbar, wie präzise Alker Materialien und Oberflächen behandelte. Den Sockel ließ er in hellgrauem Waschbeton ausführen. Vergleichbare Oberflächen setzte er später auch am Alker-Block ein.
Alker beschäftigte sich intensiv mit Beton. Ihn interessierten eine wirtschaftliche Verarbeitung mit geringem Arbeitsaufwand und ein materialgerechter Einsatz. Im Inneren ließ er den Kunststein teilweise steinmetzmäßig bearbeiten.
Die oberen Geschosse bestehen aus rotorangefarbenem Ziegel. Er kontrastiert mit dem mit Zementmilch geschlämmten Beton. Zugbänder sichern das weit auskragende Tribünendach.
Hochschulstadion
Der Tribünenbau war ursprünglich Teil eines größeren Masterplans, der aber nie vollständig ausgeführt wurde. Heute steht er inmitten von Universitätsbauten späterer Jahre.
Hochschulstadion
Das tempelartige Bauwerk wurde streng symmetrisch errichtet.
Hochschulstadion
Rot-oranger Ziegel und mit Zementmilch geschlämmter Beton fügen sich zu einer kontrastreichen Fassade mit schönem Schattenspiel.
Hochschulstadion
Beton und Ziegelstein kontrastieren auch in den beiden Treppenräumen und im imposanten Gymnastiksaal unter der Tribüne.
Hochschulstadion
Während der Betonsockel eine besondere Oberflächenbehandlung erhielt, ließ Alker im Innenraum den Kunststein von Steinmetzen bearbeiten.
Matthäuskirche – Leichtbau mit kleinem Budget
Die Architekten Hermann Reinhard Alker und Hermann Zelt entwarfen die 1926/27 errichtete Matthäuskirche an der Vorholzstraße. Sie war der einzige evangelische Kirchenneubau Karlsruhes während der Weimarer Republik. Trotz geringer finanzieller Mittel entstand ein baukünstlerisch anspruchsvolles Gebäude.
An der Planung und Gestaltung beteiligten sich neben den Architekten ein Industriebauunternehmen, bildende Künstler und ein Ingenieur des Lichttechnischen Instituts der Technischen Hochschule Karlsruhe. Emil Sutor und August Babberger wirkten an der künstlerischen Ausstattung mit.
Das Tragwerk besteht größtenteils aus einem Holz-Leichtbausystem, das Konstruktionsprinzipien aus Industrie- und Landwirtschaftsbauten aufgreift. Alker und Zelt nahmen damit Grundideen vorweg, die Otto Bartning rund 20 Jahre später in seinem Notkirchenprogramm weiterentwickelte. Von 48 vorgesehenen Notkirchen wurden 43 realisiert.
St. Matthäuskirche
Das Tragwerk der Matthäuskirche besteht größtenteils aus einer Holz-Leichtbaukonstruktion.
St. Matthäuskirche
Der Portikus und weitere Teile des Gebäudes wurden in Mauerwerk ausgeführt.
St. Matthäuskirche
Trotz des engen Budgets legte Alker Wert auf die sorgfältige Ausbildung der Details.
St. Matthäuskirche
Blick von der Empore zum Altar.
St. Matthäuskirche
Der ursprünglich dunkelrot gefärbte Steinholzestrich mit schwarzem Fries ist nicht mehr im Original erhalten.
Hermann Reinhard Alker im Nationalsozialismus
Hermann Reinhard Alker im Nationalsozialismus
Alkers Architektur der 1920er-Jahre steht für eine gemäßigte Moderne und einen experimentellen Umgang mit Material und Konstruktion. Seine spätere Tätigkeit im Nationalsozialismus gehört jedoch ebenso zu seiner Biografie.
1933 trat Alker der NSDAP und der SS bei. 1935 setzten ihn die Nationalsozialisten als Durlacher Stadtrat ein. Zwei Jahre später übernahm er in München die Leitung der Sonderbaubehörde für den Ausbau der „Hauptstadt der Bewegung“. 1938 verlor er diese Position nach Auseinandersetzungen mit Adolf Hitler über stilistische Fragen.
Nach seiner Rückkehr nach Karlsruhe erhielt Alker 1939 eine ordentliche Professur. Wegen seiner NS-Vergangenheit wurde er 1945 aus dem Hochschuldienst ausgeschlossen. Als freier Architekt arbeitete er anschließend weiter.
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Historische Fotografien, Pläne und Bauaufnahmen zeigen Alkers Bedeutung für die gemäßigte Moderne in Deutschland. Zugleich dokumentiert die Publikation seinen experimentellen Umgang mit Materialien und Konstruktionsweisen.
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– Bauten und Projekte 1921 bis 1958 von Dorothea Roos.
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