Please scroll down for English version

"Die Linie ist eine Kraft – sie entlehnt ihre Kraft der Energie dessen, der sie gezogen hat."

Henry van de Velde (1863–1957), belgisch-flämischer Architekt und Designer

Henry van der Velde und sein Förderer Karl Ernst Osthaus (1874–1921) waren gewissermaßen Wegbereiter des Bauhaus. Hagen war vor dem Ersten Weltkrieg eines der wichtigsten europäischen Zentren einer Erneuerungsbewegung, die sich gegen die längst auserzählte Formenwelt des Historismus wandte. Dabei stehen zwei Werke Van de Veldes im Besonderen als Sinnbild für diesen Hagener Impuls, das Osthaus Museum und der Hohenhof. 

Osthaus gründete das Museum Folkwang bereits 1902 in Hagen. Erst nach seinem Tod ging die bedeutende Sammlung nach Essen. Das Gebäude entwarf der Berliner Architekt Carl Gérard 1898. Für den Innenausbau beauftragte Osthaus jedoch zwei Jahre später den noch jungen Henry van der Velde. Beim Betreten des heutigen Osthaus Museums ist man sofort gefangen von den sanften Linien und kraftvollen Schwüngen in seinem Inneren. Edle Hölzer umarmen sich und greifen ineinander. Das organische Zentrum bildet der Knabenbrunnen des belgischen Bildhauers George Minne im ursprünglichen Museumsfoyer. 1972 folgte eine Erweiterung, 1991 die Rekonstruktion der im Krieg weitgehend zerstörten Inneneinrichtung. Sein gesamtes Können stellte Van de Velde in Osthaus privatem Wohnhaus unter Beweis. Der Hohenhof liegt am Rande des Zentrums, eingebettet in sattes Grün und weich geschwungene Hügel. Das Anwesen entstand zwischen 1906 und 1908. Van de Velde schuf ein Gesamtkunstwerk bis hin zum Besteck. Heute zählt der Hohenhof zu den architekturgeschichtlich bedeutendsten Gebäudeensembles der europäischen Frühmoderne. 

Osthaus Museum. Der Frauenkopf aus Sandstein über dem Haupteingang ist eine Schenkung Milly Stegers anlässlich des zehnjährigen Jubiläums des Hauses. Die Bildhauerin hatte auch die vier überlebensgroßen Frauen-Statuen an der Fassade des Hagener Theaters geschaffen.
Osthaus Museum Der Frauenkopf aus Sandstein über dem Haupteingang ist eine Schenkung Milly Stegers anlässlich des zehnjährigen Jubiläums des Hauses. Die Bildhauerin hatte auch die vier überlebensgroßen Frauen-Statuen an der Fassade des Hagener Theaters geschaffen. © Hendrik Bohle
Osthaus Museum. Die Inneneinrichtung wurde 1991 weitgehend rekonstruiert.
Osthaus Museum Die Inneneinrichtung wurde 1991 weitgehend rekonstruiert. © Hendrik Bohle
Osthaus Museum. "Die Architektur der Erinnerung" ist das Hauptwerk der deutschen Künstlerin Sigrid Sigurdsson und als Museum im Museum Teil der ständigen Sammlung des Hauses.
Osthaus Museum "Die Architektur der Erinnerung" ist das Hauptwerk der deutschen Künstlerin Sigrid Sigurdsson und als Museum im Museum Teil der ständigen Sammlung des Hauses. © Hendrik Bohle
Hohenhof. Das Osthaus Anwesen zählt heute zu den architekturgeschichtlich bedeutendsten Gebäudeensembles der europäischen Frühmoderne.
Hohenhof Das Osthaus Anwesen zählt heute zu den architekturgeschichtlich bedeutendsten Gebäudeensembles der europäischen Frühmoderne. © Jan Dimog
Hohenhof. Besonders farbenfroh ist Osthaus Arbeitszimmer ausgestaltet. Die Schablonenmalerei an Wand und Decke kommt von Jan Thorn Prikker. Henry van de Velde soll ganz und gar nicht damit einverstanden gewesen sein.
Hohenhof Besonders farbenfroh ist Osthaus Arbeitszimmer ausgestaltet. Die Schablonenmalerei an Wand und Decke kommt von Jan Thorn Prikker. Henry van de Velde soll ganz und gar nicht damit einverstanden gewesen sein. © Jan Dimog

Pioneer and Gesamtkunstwerk

Karl Ernst Osthaus was one of the most important German art patrons and art collectors of the early twentieth century. The centre of his working life was in the province of Westphalia. Two buildings in Hagen still speak to his influence today; both are designed by the virtuoso Henry van de Velde. 

Henry van de Velde and his patron Karl Ernst Osthaus were trailblazers for the Bauhaus. Prior to World War I, Hagen was one of the most important European centres of a renewal movement that turned against the long-overdone formal world of historicism. There are two works in particular by van de Velde that stand as a symbol for the so-called Hagener Impuls (Hagen-style impulse): the Osthaus Museum and the Hohenhof. 

Osthaus founded the Museum Folkwang in Hagen in 1902. Only after his death did the important collection move to Essen. The architect Carl Gérard, from Berlin, had designed the original museum building in 1898. Two years later, however, Osthaus commissioned the still-young Henry van de Velde for the interior design. Encountering the present-day Osthaus Museum, one is instantly captivated by the soft lines and powerful energy in the interior. The Knabenbrunnen (Boys’ Fountain) by the Belgian sculptor George Minne creates the organic centre of the original museum foyer. The museum was expanded in 1972, and in 1991, there followed a reconstruction of the interior furnishings, which had largely been destroyed. Van de Velde proved his overall skill in Osthaus’s private residence. Called the Hohenhof, it lies at the edge of the city centre, embedded in rich green space and softly rolling hills. With this estate, which arose between 1906 and 1908, van de Velde accomplished a Gesamtkunstwerk (total art work) – all the way down to the cutlery. Today, the Hohenhof is considered in architectural history to be one of the most important buildings of the European early modern period.

"Line is a force – it derives its power from the energy of the one who has drawn it." 
 

Henry van de Velde, Belgian painter, architect and interior designer.

Von Hendrik Bohle Architekt, Autor und Stadtforscher, veröffentlicht am .