5 Fragen an Malte Sunder-Plassmann – Architektur braucht Haltung
Interview:
Wie würdest Du die Philosophie und Arbeitsweise Eures Büros beschreiben?
Wir sind ein kleines, junges und kreatives Büro mit einer großen Leidenschaft für Architektur. Diese Passion versuchen wir in unsere Projekte zu legen und durch eine klare Handschrift Räume mit einem Charakter, mit einem spezifischen Ausdruck entstehen zu lassen. Diesen Prozess als Teamarbeit zu verstehen und gemeinsam Räume für Menschen von Menschen zu schaffen.
Wenn Du an „nordische Baukultur“ denkst – was verbindest Du damit persönlich, und wie findet sich dieses Verständnis in Deiner Arbeit wieder?
Ich bin im Norden, in Kappeln an der Schlei, aufgewachsen, und diese nordische Prägung beeinflusst mein Denken und unsere Arbeit bis heute. Auch die Wahl unserer beiden Bürostandorte in Berlin und Kappeln hängt damit zusammen, Kappeln als Herkunftsort und Berlin als aktueller Lebensmittelpunkt. Dieser kulturelle Hintergrund wirkt sich auf unser Büro und unsere Herangehensweise aus, ohne dass wir uns bewusst dafür entscheiden – es ergibt sich schlicht aus meiner Vita.
»Wir versuchen, unsere Projekte stets aus dem sozialen und baukulturellen Kontext heraus zu entwickeln.«
Deshalb sind unsere Projekte im Norden stärker von der nordischen Baukultur geprägt als unsere Arbeiten in anderen Regionen. Jeder Ort bringt zudem unterschiedliche klimatische Anforderungen mit, welche sich natürlich auf die Architektur auswirken und damit oft eine regionale Baukultur prägen. Wenn also unsere Projekte im Norden „nordischer“ aussehen, dann hängt das vor allem mit dem Wunsch nach einer baukulturellen Kontinuität und Integration zusammen.
Besonders faszinierend an der skandinavischen Baukultur ist für uns, dass der Mensch mit seinen Bedürfnissen im Mittelpunkt steht. Architektur wird hier nicht nur aus Zweckmäßigkeit oder Rationalität entwickelt, sondern aus Emotionalität und dem Wunsch, die gebaute Umwelt bewusst für die Menschen zu gestalten.
Viele Bauaufgaben sind geprägt von gesellschaftlichem Druck – Wohnraummangel, Energiewende, Kostendruck. Welchen dieser Aspekte empfindest Du derzeit als besonders herausfordernd?
Wir versuchen die angesprochenen Themen als Chance zu sehen, diese aktiv mitzugestalten und aus der Lösung dieser Probleme eine tragfähige Architektur zu entwickeln.
Bei der Wohnraumknappheit sehen wir die Chance, dass Städte und Gemeinden wieder aktiv wachsen müssen. Diesen Prozess gemeinsam als Gesellschaft zu gestalten und dabei einen echten Mehrwert zu schaffen, halten wir für eine wichtige Aufgabe. Genau dieser Aspekt kommt aus unserer Sicht in der aktuellen Diskussion jedoch zu kurz. Skandinavien ist hier wieder ein gutes Beispiel: In Städten wie Oslo oder Kopenhagen sind in den vergangenen Jahren spannende neue Wohnquartiere entstanden, die sowohl architektonisch als auch gesellschaftlich einen Mehrwert erzeugen.
Hierzulande habe ich hingegen häufig den Eindruck, dass bei der Schaffung neuen Wohnraums der gesellschaftliche Nutzen nicht im Mittelpunkt steht, sondern eher die Interessen einzelner Akteurinnen und Akteure. Eine breitere Berücksichtigung sozialer und gemeinschaftlicher Belange ist daher eine Aufgabe unserer Generation von Stadtplanerinnen und Architektinnen – aber ebenso eine Aufgabe der gesamten Gesellschaft.
»Ich hatte gehofft, dass wir einer Generation angehören, für die Nachhaltigkeit nicht mehr grundsätzlich verhandelt werden muss.«
Ähnlich verhält es sich mit der Energiewende. Ich hatte gehofft, dass wir einer Generation angehören, für die Nachhaltigkeit, ressourcenschonendes Bauen und die Energiewende selbstverständlich sind – Themen, die nicht mehr grundsätzlich verhandelt werden müssen, sondern bei denen es nur noch um die Frage der Umsetzung geht. Leider muss ich feststellen, dass dieser gesellschaftliche Konsens offenbar noch nicht besteht. Gerade wir Architektinnen und Architekten tragen hier eine besondere Verantwortung, da der Bausektor einen erheblichen Anteil an den Treibhausgasemissionen verursacht.
Wir versuchen daher, sowohl baulich – etwa durch nachhaltige Materialwahl und ein früh integriertes Energiekonzept – als auch sozial von Beginn an auf Nachhaltigkeit zu achten. Dabei ist es uns wichtig zu betonen, dass Nachhaltigkeit nicht nur ökologische Faktoren umfasst. Sie bedeutet für uns auch, Räume zu schaffen, in denen Menschen langfristig gerne leben – und Gebäude zu planen, die nicht nach 20 Jahren wieder abgerissen werden.
Dies führt mich zu meinem letzten Punkt: dem Kostendruck. Architektur wird heute zu oft in kurzfristigen Profitzyklen gedacht, während Gebäude früher stärker im sozialen und kulturellen Kontext entwickelt wurden. Gleichzeitig stellen wir fest, dass die Baukosten massiv gestiegen sind und viele Projekte für Privathaushalte kaum noch finanzierbar sind. Die richtige Balance zwischen Anspruch, Standards und Wirtschaftlichkeit zu finden, ist eine Herausforderung, der wir uns als Gesellschaft und als Architektenschaft erneut stellen müssen.
Aichermagazin Isny
Ursprünglich im Frühjahr 2022 in Isny im Allgäu errichtet, zeigte das „aichermagazin“ eine Ausstellung über Otl Aicher und seine in den 1970er-Jahren entwickelte visuelle Identität für die Stadt. 136 schwarz-weiße Icons porträtierten Stadt, Landschaft und Kultur. Architektur: schnell&co architektur und Atelier Sunder-Plassmann; Ausstellungsgestaltung: Monika Schnell; Kuration: Renate Breuß.
Aichermagazin Isny
Der temporäre Pavillon besteht aus einer schwarz gestrichenen Holzkonstruktion auf filigranen Stützen. Eine umlaufende Pergola fasst den Ausstellungsraum, dessen offenes Boden- und Deckengitter den Wetterwechsel spürbar macht. Ohne Eingang, Tür oder Öffnungszeiten ist der Pavillon jederzeit und für alle zugänglich – für eine begrenzte Zeit.
Aichermagazin Isny
Als Ausstellung im öffentlichen Raum zog „isnyaicher22“ in den folgenden zwei Sommern ein breites Publikum an. Ende 2023 wurde der Pavillon in Isny abgebaut und eingelagert.
Aichermagazin Wangen
2024 erhielt das „aichermagazin“ anlässlich der Landesgartenschau Baden-Württemberg in Wangen eine zweite Nutzung. Der Pavillon wurde auf den Wiesen entlang der renaturierten Argen neu errichtet, vor der üppig bewachsenen Böschung und zwischen zwei großen Bäumen.
Junge Büros stehen oft zwischen Idealismus und Praxis. Wie gelingt Dir der Spagat zwischen architektonischem Anspruch und den Realitäten des Baualltags?
Wir empfinden den Spagat zwischen unserem eigenen Anspruch und den Realitäten und Herausforderungen aus der Praxis nicht als Hindernis, sondern als Bereicherung. Unser Ziel ist es, unsere Haltung und Gestaltungsideen in jedes Projekt einfließen zu lassen und die Vision gemeinsam mit den Bauherr:innen weiterzuentwickeln – angepasst an Ort, Funktion und Budget, und dabei jedes Projekt als individuelles Vorhaben zu verstehen.
Dabei haben wir die Erfahrung gemacht, dass gerade dieser Austausch ein wertvoller Prozess ist: Die Impulse aus dem Kontext und von der Bauherrenschaft verbinden sich mit unseren eigenen Überlegungen, sodass etwas Gemeinsames und Eigenständiges entsteht.
Und dies bedeutet keineswegs, dass ein Projekt über ein unbegrenztes Budget verfügen muss. Gute Architektur entsteht nicht aus Größe oder Luxus, sondern aus Haltung, Klarheit und einer geteilten Überzeugung.
Unser Projekt „House along the Baltic Sea“ ist vielleicht ein sehr gutes Beispiel für diese Grundhaltung. Es entstand mit einfachen Materialien und konstruktiven Lösungen – als bewusste Antwort auf ein begrenztes Budget. Gleichzeitig wurden höchste Anforderungen an Nachhaltigkeit durch den Passivhausstandard und die konsequente Holzbauweise erfüllt; und wir hoffen, dass die Haltung und die architektonische Sprache des Projekts klar ablesbar sind.
House along the Baltic Sea
Das Ferienhaus entstand als Ersatz eines bestehenden, aufgrund seines baulichen Zustands nicht sanierungsfähigen Baukörpers. Form und Proportionen orientieren sich am Vorgängerbau.
House along the Baltic Sea
Der Entwurf verbindet vertraute Elemente der regionalen Bautradition mit einer zeitgemäßen Interpretation.
House along the Baltic Sea
So fügt sich das Bauwerk selbstverständlich in die Landschaft ein und entwickelt zugleich eine eigenständige Sprache.
House along the Baltic Sea
Eine durchgehende Wand gliedert das Haus und trennt die beiden Wohneinheiten.
House along the Baltic Sea
Nach Norden schließt sie das Gebäude, nach Süden öffnet sie es zur Landschaft. Der zweigeschossige, nach Norden und Süden offene Wohnbereich bildet das räumliche Zentrum.
Wenn Du in die Zukunft blickst: Welche Chancen siehst Du für die Architektur, und wo wünscht Du Dir Veränderung?
Architektur prägt unser tägliches Verhalten oft stärker, als uns bewusst ist. Wir erzählen dazu gerne die Anekdote, dass ein großzügiger, gut gestalteter Küchen- und Essbereich zum Kochen, zum Austausch und zum Zusammensein einlädt, während ein enger, unpraktischer Raum diese Aktivitäten eher verhindert. Ähnlich verhält es sich mit Arbeitsräumen, öffentlichen Plätzen oder Wohnquartieren – Räume formen Gewohnheiten, Begegnungen und Lebensqualität, kurz: das soziale und menschliche Miteinander.
Wir wünschen uns daher ein stärkeres Bewusstsein für die aktive Rolle der Architektur und der gebauten Umwelt. Baukultur sollte wieder an Bedeutung gewinnen, und Gebäude sollten nicht als reine Funktionsbauten unter dem Primat des Kostenfaktors betrachtet werden.
Gleichzeitig sehen wir großen Handlungsbedarf in der Baukultur selbst. In vielen Regionen Europas – zum Beispiel in Dänemark oder der Alpenregion – genießt Architektur einen deutlich höheren kulturellen Stellenwert. Dort wird intensiver darüber diskutiert, wie wir bauen wollen, wer wir damit sein möchten und welchen Wert Gestaltung für die Gesellschaft hat. Diese Offenheit und Wertschätzung würden wir uns auch bei uns wünschen: mehr Raum für Dialog, für Experiment, für Qualität – statt einer Reduktion auf Effizienz und Kosten.
Die Zukunftschance liegt darin, Architektur wieder bewusster zu denken – als Form von Kultur, Verantwortung und sozialem Zusammenleben. Wenn wir Nachhaltigkeit, Ästhetik und Lebensqualität zusammen betrachten und als gesellschaftliche Aufgabe verstehen, können Orte entstehen, die nicht nur funktionieren, sondern inspirieren und verbinden. Orte für Menschen.
Info
Dieses Interview entstand im Vorfeld des Beitrags „Den Norden neu denken“ über vier junge Büros aus Norddeutschland für die Ausgabe 01.2026 des Magazins A&W Architektur & Wohnen.