Biennale d'Architecture d'Orléans. Noch bis zum 1. April 2018 in Orléans und anderen Orten der Region Centre – Val de Loire (Loiretal) zu sehen. Hauptaustragungsort ist das FRAC Centre-Val de Loire.
Biennale d'Architecture d'Orléans Noch bis zum 1. April 2018 in Orléans und anderen Orten der Region Centre – Val de Loire (Loiretal) zu sehen. Hauptaustragungsort ist das FRAC Centre-Val de Loire. © Hendrik Bohle
FRAC Centre-Val de Loire. Am Eingang empfangen zwei Arbeiten die Besucher: Die blaue Fahne von Nidal Chamekh (2017) und „Estación #16“ von Frida Escobedo (2017).
FRAC Centre-Val de Loire Am Eingang empfangen zwei Arbeiten die Besucher: Die blaue Fahne von Nidal Chamekh (2017) und „Estación #16“ von Frida Escobedo (2017). © Bettina Cohnen

„Walking to someone else’s dream“ ist der Titel der erstmalig stattfindenden Biennale d'Architecture d'Orléans, die noch bis zum 1. April 2018 an der Loire zu sehen ist. Am Eingang des FRAC Centre-Val de Loire, dem Hauptaustragungsort der Schau, weht eine blaue Fahne. Für die Neuinterpretation des nationalen Symbols wählte der tunesische Künstler Nidhal Chamekh bewusst ein Material, das in den zahlreichen Flüchtlingslagern der Welt als Behausung dient. Wie deren Träume auf eine bessere Zukunft, ist auch sie heftigen Kräften ausgesetzt, die an ihr zerren und sie im Laufe der Zeit zu zersetzen drohen. Die Biennale zeigt zudem seine Arbeit „Calais, études et fragments de mémoires“ über den berüchtigten „Dschungel von Calais“. Mehr als 9.000 Geflüchtete hofften hier im Sommer 2016 auf einen Neuanfang. Auf dem Gelände einer ehemaligen Mülldeponie entstand innerhalb weniger Monate eine selbst organisierte Siedlung mit rudimentärer Infrastruktur. Chamekh dokumentierte diesen Zustand mit Berichten, Fotografien und detaillierten Zeichnungen. Ohne zu romantisieren, zeigt er in seinen fünf Assemblagen (Kunstwerke mit reliefartiger Oberfläche) „common place“, „share“, „multiply“, „attach“ und „steal“, dass man trotz großer Probleme aus den flüchtigen Strukturen dieser informellen Siedlungen lernen kann. Teil seiner Arbeit ist eine Langzeitaufnahme von der Räumung der Siedlung. In ihrem Zentrum steht ein brennender Container mit der Aufschrift: „Never give up“. Für viele wird es eine Utopie bleiben.

"Wir alle haben eine Migrationsgeschichte. Das ist es, was uns verbindet."

Abdelkader Damani

FRAC Centre-Val de Loire: „Never give up“ von Nidhal Chamek

Etwas poetischer beginnt der Rundgang der Schau im Inneren. Damani und Galofaro wählten eine Arbeit aus der umfangreichen Sammlung des FRAC von 1968. Chanéacs lila Stadtvision „Ville alligator“ ist organisch, evolutionär und mobil. Es ist schwer zu sagen, ob es sich hierbei schon um Kunst oder noch um architektonische Theorie handelt. Die Protagonisten jener utopistischen Bewegung, wollten vor etwa 50 Jahren die Bedeutung von Bauen, Raum und Gesellschaft gründlich verändern. Eine amorphe Zellenstruktur erhebt sich über dem Boden. Industriell vorgefertigte Module sollten flexibel kombiniert und individuell ausgestaltet werden. Alles war auf das menschliche Maß zugeschnitten.
Die Kuratoren begreifen ihre Biennale als Ort des Zweifelns, als einen Ort, an dem Unterschiedliches, scheinbar Widersprüchliches und sich Widerstrebendes miteinander in Kontakt treten, als einen Ort an dem man über Raum nachdenken kann. So schließen sich Arbeiten junger Kreativer an. Die jordanisch-palästinensische Baukünstlerin Saba Innab überzeugt mit ihrer architektonisch ästhetischen und zugleich kritischen Studie „Tomorrow, Poetry Will (Not) Be The House of Life“. Mit ihren modellhaften Fragmenten der Architekturmoderne verweist sie auf das Schicksal palästinensischer Städte und ihrer Bevölkerung. Daneben stehen Arbeiten des spanischen Architektur-Kollektivs Ensamble Studio. Die vier ausgestellten Betonstelen versinnbildlichen deren prozesshaftes Arbeiten. Versuch und Irrtum bestimmen deren Architektur. Dass sie auch so bauen, belegt ein begleitender Film im angrenzenden Treppenraum. Hinzu kommen erfrischenderweise weniger bekannte spanische Utopisten, wie Juan Navarro Baldeweg, Andrès Perea Ortega oder José Miguel de Prada Poole. Verblüffend. Verbindet man die utopische Architekturmoderne der sechziger und siebziger Jahre doch eher mit Großbritannien und Frankreich. Damani kündigte in unserem Gespräch bereits an, im Anschluss an die Biennale muss unbedingt eine Schau über spanische Utopisten her. Natürlich sind auch bekannte Metabolisten und Bau-Utopiker vertreten. Hier und da geht es vertraut kugelig zu. Man sieht schwebende Raumblasen, Gitterstrukturen und aufgeblähte Häuser, Zeichnungen und Modelle von Buckminster Fuller, Constant, Peter Cook, Claude Parent und Haus Rucker-Co. Sie stammen größtenteils aus der eigenen Sammlung des FRAC. Beim Durchschreiten der Ausstellung drängt sich geradezu die Frage auf: Warum ist vieles heute so belanglos und kastig? Wo ist das Neugierige, Aufregende, Bewegende geblieben? Wo der Erfindungsgeist und Mut in der Architektur und ihrer Theorie? Vermutlich weil es nicht mehr gemeinsam gedacht wird.

FRAC Centre-Val de Loire. „Ville alligator“ von Chanéac (1968)
FRAC Centre-Val de Loire „Ville alligator“ von Chanéac (1968) © Bettina Cohnen
FRAC Centre-Val de Loire. „Tomorrow, Poetry Will (Not) Be The House of Life, Models #1-7“ von Saba Innab (2017), Architect-in-Residence ENSA Bourges
FRAC Centre-Val de Loire „Tomorrow, Poetry Will (Not) Be The House of Life, Models #1-7“ von Saba Innab (2017), Architect-in-Residence ENSA Bourges © Bettina Cohnen
FRAC Centre-Val de Loire. „Towers of Landscape“ von Ensamble Studio (2016-2017)
FRAC Centre-Val de Loire „Towers of Landscape“ von Ensamble Studio (2016-2017) © Bettina Cohnen
FRAC Centre-Val de Loire. „Towers of Landscape“ von Ensamble Studio (2016-2017)
FRAC Centre-Val de Loire „Towers of Landscape“ von Ensamble Studio (2016-2017) © Bettina Cohnen
FRAC Centre-Val de Loire. Die Kuratoren begreifen ihre Biennale als Ort des Zweifelns, als einen Ort, an dem Unterschiedliches, scheinbar Widersprüchliches und sich Widerstrebendes miteinander in Kontakt treten.
FRAC Centre-Val de Loire Die Kuratoren begreifen ihre Biennale als Ort des Zweifelns, als einen Ort, an dem Unterschiedliches, scheinbar Widersprüchliches und sich Widerstrebendes miteinander in Kontakt treten. © Hendrik Bohle
FRAC Centre-Val de Loire. „Le musée des épopées“ von Cédric Libert (2017)
FRAC Centre-Val de Loire „Le musée des épopées“ von Cédric Libert (2017) © Bettina Cohnen
FRAC Centre-Val de Loire. Arbeit von Saba Innab
FRAC Centre-Val de Loire Arbeit von Saba Innab © Hendrik Bohle
FRAC Centre-Val de Loire. Damani und Galofaro begreifen die Biennale selbst als eine verdichtete Assemblage verschiedener Ideen, die ein Mosaik der Realität rekonstruiert.
FRAC Centre-Val de Loire Damani und Galofaro begreifen die Biennale selbst als eine verdichtete Assemblage verschiedener Ideen, die ein Mosaik der Realität rekonstruiert. © Hendrik Bohle
FRAC Centre-Val de Loire. „Série Maquettes abandonnées“ von Mengzhi Zheng (2016-2017), Artist-in-Residence CHD Daumezon
FRAC Centre-Val de Loire „Série Maquettes abandonnées“ von Mengzhi Zheng (2016-2017), Artist-in-Residence CHD Daumezon © Bettina Cohnen
FRAC Centre-Val de Loire. Zu sehen ist auch eine Retrospektive des französischen Architekten, Stadtplaners und Szenografen Patrick Bouchain
FRAC Centre-Val de Loire Zu sehen ist auch eine Retrospektive des französischen Architekten, Stadtplaners und Szenografen Patrick Bouchain © Hendrik Bohle
FRAC Centre-Val de Loire. Der Kurator Abdelkader Damani (re.) mit THE LINK-Autor Hendrik Bohle und der Fotokünstlerin Bettina Cohnen.
FRAC Centre-Val de Loire Der Kurator Abdelkader Damani (re.) mit THE LINK-Autor Hendrik Bohle und der Fotokünstlerin Bettina Cohnen. © Hendrik Bohle

Gleich zwei Franzosen dieser Strömung ist eine Einzelschau gewidmet. Im FRAC Centre – Val de Loire ist eine Retrospektive des Architekten, Stadtplaners und Szenografen Patrick Bouchain zu sehen. Die Monographie blickt zurück auf vier schöpferisch ergiebige Jahrzehnte. Sie würdigt seine Methodik, zeigt Jahre des Lernens und Lehrens und unterstreicht sein politisches Engagement für die Architektur. Besondere Aufmerksamkeit wird seinen wunderbaren Zeichnungen gewidmet. Eine umfassende Darstellung maßstabsgetreuer Modelle seiner Projekte zeigt das volle Ausmaß seines Werks. Beim Betreten des Raums gerät man ins Staunen. Auf den ersten Blick gleicht er beinahe einem Kuriositätenkabinett. So prall und dicht sind die zusammengetragenen gebauten und ungebauten Visionen.

La Médiathèque Orléans. „A house from a drawing of Ettore Sottsass – Cabinet of Curiosity“ von 2A+P/A (2017), Außenansicht
La Médiathèque Orléans „A house from a drawing of Ettore Sottsass – Cabinet of Curiosity“ von 2A+P/A (2017), Außenansicht © Bettina Cohnen
La Médiathèque Orléans. „A house from a drawing of Ettore Sottsass – Cabinet of Curiosity“ von 2A+P/A (2017), Außenansicht
La Médiathèque Orléans „A house from a drawing of Ettore Sottsass – Cabinet of Curiosity“ von 2A+P/A (2017), Außenansicht © Bettina Cohnen

Neben den acht Stationen in Orléans, gibt es vier weitere Ausstellungsorte in der Region Centre - Val de Loire. Das Les Tanneries – Centre d’Art Contemporain in Amilly zeigt erstmalig eine Hommage an Guy Rottier. Seine vorausschauenden Ideen für ökologische Architektur und solaren Urbanismus ebneten den Weg für viele zeitgenössische Entwürfe. Sei es in den Bereichen Tarnung, evolutionärer Wohnraum oder umweltfreundliche Entwicklung. Da stapeln sich schon mal Busse zu Baumhäusern und Hubschrauber werden zum Wohnmobil. Radikalräume, poetisch und witzig.

Les Tanneries – Centre d’Art Contemporain. Die Kunsthalle in Amilly ist einer der Austragungsorte außerhalb Orléans.
Les Tanneries – Centre d’Art Contemporain Die Kunsthalle in Amilly ist einer der Austragungsorte außerhalb Orléans. © Hendrik Bohle
Les Tanneries. Zu sehen ist eine Hommage an den französischen Architekten Guy Rottier.
Les Tanneries Zu sehen ist eine Hommage an den französischen Architekten Guy Rottier. © Hendrik Bohle
Les Tanneries. Seine vorausschauenden Ideen für ökologische Architektur und solaren Urbanismus ebneten den Weg für zeitgenössische Kreationen.
Les Tanneries Seine vorausschauenden Ideen für ökologische Architektur und solaren Urbanismus ebneten den Weg für zeitgenössische Kreationen. © Hendrik Bohle
Les Tanneries. Modulare Systeme mit schiefen Ebenen
Les Tanneries Modulare Systeme mit schiefen Ebenen © Hendrik Bohle
Les Tanneries. Baumhäuser aus Bussen
Les Tanneries Baumhäuser aus Bussen © Bettina Cohnen
Les Tanneries. Hubschrauber als Wohnmobil
Les Tanneries Hubschrauber als Wohnmobil © Bettina Cohnen

"The day children will educate their parents, there will be hope for a more original and playful architecture."

Guy Rottier
Les Tanneries. „ARCHIPELAGO“ des Osloer Studios Manthey Kula (2017)
Les Tanneries „ARCHIPELAGO“ des Osloer Studios Manthey Kula (2017) © Bettina Cohnen
Les Tanneries. „Une retenue d’eau“ von Thomas Raynaud (2017)
Les Tanneries „Une retenue d’eau“ von Thomas Raynaud (2017) © Hendrik Bohle
Les Tanneries. „Une retenue d’eau“ von Thomas Raynaud (2017)
Les Tanneries „Une retenue d’eau“ von Thomas Raynaud (2017) © Bettina Cohnen
Les Tanneries. „Sleeper Cell“ von Suzanne Husky (2017)
Les Tanneries „Sleeper Cell“ von Suzanne Husky (2017) © Hendrik Bohle
Les Tanneries. „Sleeper Cell“ von Suzanne Husky (2017)
Les Tanneries „Sleeper Cell“ von Suzanne Husky (2017) © Hendrik Bohle

Der Ausflug nach Amilly lohnt sich, besonders auch wegen der Arbeiten von Thomas Raynaud, Suzanne Husky und des Osloer Architekturstudios Manthey Kula. Deren Installation „ARCHIPELAGO – Architecture from Solitude“ wurde als eine Landschaft konzipiert, die das Schicksal von fünf historischen Figuren darstellt, die von Exil und Isolation betroffen sind. Besonders die Umsetzung mittels minimalistischer Zeichnungen und Modelle überzeugt. 2015 schlug ihr Entwurf des Fährterminals in Forvik (Norwegen) hohe Wellen.
So unterschiedlich die Perspektiven, so verbindend sind die Arbeiten. Die exzellent kuratierte Ausstellung ermöglicht den Besuchern im Laufe des Rundgangs unzählige Perspektivwechsel. Sie ist anregend, aufregend und zeigt, dass Visionäres gegenwärtig sein kann und zugleich mehrere Jahrzehnte überdauern kann. Und sie zeigt, wie vielfältig und wahnwitzig man über Raum nachdenken kann.

"Travelling does not help much to understand, but it serves to reactivate for a second the use of your eyes: the reading of the world."

Italo Calvino

Atout France und Comité Régional du Tourisme Centre – Val de Loire haben uns zu der redaktionell unabhängigen Recherchereise eingeladen.

Von Hendrik Bohle Architekt, Autor und Stadtforscher, veröffentlicht am .