"Es fühlt sich gut an, ein Teil der Dombauhüttentradition zu sein und zu wissen, dass dort oben auch mal ein Werk von dir zu sehen ist ..."

... schwärmt Julian Feldmann, während er die Fassade des Hohen Doms zu Köln hinaufblickt. Er ist Steinmetz-Lehrling im dritten Lehrjahr. Zur Dombauhütte kam der Kölner über einen Freund, der ihm vorgeschlagen hatte, sich hier zu bewerben. Eine richtige Entscheidung: die Arbeit sei zwar anstrengend und erfordere viel Konzentration. "Aber am Ende des Tages sehe ich, was ich getan habe. Genau deshalb wollte ich dieses Handwerk erlernen."

Dombauhütte Köln. Julian Feldmann ist Steinmetz-Lehrling im dritten Lehrjahr.
Dombauhütte Köln Julian Feldmann ist Steinmetz-Lehrling im dritten Lehrjahr. © Hendrik Bohle
Dombauhütte Köln. Er arbeitet an seinem Gesellenstück: ein Strebebogen.
Dombauhütte Köln Er arbeitet an seinem Gesellenstück: ein Strebebogen. © Hendrik Bohle
Dombauhütte Köln. Mit Blick hinauf zum Hohen Dom macht es ihn stolz, ein Teil der Hüttenbautradition zu sein.
Dombauhütte Köln Mit Blick hinauf zum Hohen Dom macht es ihn stolz, ein Teil der Hüttenbautradition zu sein. © Hendrik Bohle

Hoher baukultureller Wert der Dombauhütte Köln

Und so taten es viele Generationen vor Julian Feldmann. Die Dombauhütte Köln wurde bereits im 13. Jahrhundert gegründet. Heute zählt sie zu den größten und besten in Europa. So wurde der baukulturelle Wert der Dombauhütte Köln zusammen mit den Hütten in Aachen, Bamberg, Dresden, Freiburg, Lübeck, Mainz, Passau, Regensburg, Schwäbisch Gmünd, Soest, Ulm und Xanten 2018 im Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes in Deutschland entsprechend gewürdigt. Es zeigt exemplarisch, welche kulturellen Traditionen und Ausdrucksformen in Deutschland weiterhin praktiziert und weitergegeben werden. Ein gemeinsamer Antrag der Münster- und Dombauhütten aus Frankreich, Deutschland, Österreich, der Schweiz und Norwegen liegt gerade bei der UNESCO. 2020 soll über die inklusive und kreative Kulturform entschieden werden. Längst sind die jahrhundertealten Sakralbauten Kulturdenkmäler und weltbekannte Wahrzeichen. Sie zeugen vom tiefen Glauben und von der traditionellen Kunst des Bauens. Nur selten erhält man Einblicke in das Schaffen derjenigen, die diese Bauwerke untersuchen, rekonstruieren, renovieren und pflegen. Mit ihrer engagierten Arbeit sorgen Handwerker und Restauratoren dafür, dass uns die Großkirchen noch in Zukunft erhalten bleiben. 

Tag des offenen Denkmals am 8. September 2019

Einmal im Jahr zum Tag des offenen Denkmals werden die Tore der Kölner Dombauhütte geöffnet. 2019 findet er am 8. September unter dem Motto "Modern(e): Umbrüche in Kunst und Architektur" statt. Wer nicht so lang warten will, schlendert an die Südost-Seite des Domes. Hier befindet sich die Dombauhütte. Die Werkstätten umschließen einen offenen Hof unterhalb der Domplatte. Mit viel Glück kann man Uta Tröger bei der Arbeit zusehen. Die Steinbildhauerin kam vor etwa viereinhalb Jahren an die Kölner Hütte. Gelernt hatte sie woanders. Hier eine Anstellung zu bekommen, war eine besondere Auszeichnung für sie. Das sie ein Handwerk erlernen wollte, war ihr schon früh bewusst. Zunächst dachte sie an die Theaterplastik, aber nach einem Steinbildhauer-Praktikum war klar:

"Ich will etwas Dauerhaftes schaffen!"

Uta Tröger, Steinbildhauerin
Dombauhütte Köln. Die unteren Bereiche um den Hüttenhof auf der Südost-Seite des Domes entstanden zusammen mit dem Bau des Römisch-Germanischen Museums nach Entwürfen von Heinz Röcke und Klaus Renner (1969/70). Den Neubau der oberen Hüttengebäude entwarf Bernd Billecke (1983-1984).
Dombauhütte Köln Die unteren Bereiche um den Hüttenhof auf der Südost-Seite des Domes entstanden zusammen mit dem Bau des Römisch-Germanischen Museums nach Entwürfen von Heinz Röcke und Klaus Renner (1969/70). Den Neubau der oberen Hüttengebäude entwarf Bernd Billecke (1983-1984). © Hendrik Bohle
Dombauhütte Köln. Mit etwas Glück kann man den Handwerkern und Restauratoren bei der Arbeit zusehen.
Dombauhütte Köln Mit etwas Glück kann man den Handwerkern und Restauratoren bei der Arbeit zusehen. © Hendrik Bohle
Dombauhütte Köln. Die Werkstätten gruppieren sich um einen kleinen Hof unterhalb der Domplatte.
Dombauhütte Köln Die Werkstätten gruppieren sich um einen kleinen Hof unterhalb der Domplatte. © Hendrik Bohle
Dombauhütte Köln. Die Steinbildhauerin Uta Tröger arbeitet hier seit etwa viereinhalb Jahren.
Dombauhütte Köln Die Steinbildhauerin Uta Tröger arbeitet hier seit etwa viereinhalb Jahren. © Hendrik Bohle
Dombauhütte Köln. Gerade rekonstruiert sie mit einem Team das Tympanon des Nordportals am Bahnhofsvorplatz. Ein Tympanon ist das halbrunde oder eckige Feld über dem Kirchenportal.
Dombauhütte Köln Gerade rekonstruiert sie mit einem Team das Tympanon des Nordportals am Bahnhofsvorplatz. Ein Tympanon ist das halbrunde oder eckige Feld über dem Kirchenportal. © Hendrik Bohle
Dombauhütte Köln. Dabei nähert sie sich mit Modeliermasse und Gips, Modell für Modell dem endgültigen Werk.
Dombauhütte Köln Dabei nähert sie sich mit Modeliermasse und Gips, Modell für Modell dem endgültigen Werk. © Hendrik Bohle

Viel Geduld und Präzision

Als Bildhauer und Steinmetz muss man in anderen Zeiträumen denken: eher in Jahren, denn in Tagen oder Wochen. Am Kölner Dom müssen über 70 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs noch Schäden beseitigt werden. Derzeit arbeiten Tröger und ein Team am Tympanon des Nordportals. Geschädigte Bauteile werden zunächst gesichtet, gesichert und zwischengelagert. Von sehr stark beschädigten oder fehlenden Bauteilen werden Schablonen und Kopien erstellt. Zum Einsatz kommen fast ausschließlich historische Baustoffe, verschiedene Sand- und Kalksteinarten. Basaltlava, wie er bis zur Leitung der ersten Dombaumeisterin Barbara Schock-Werner (1998–2012) verwendet wurde, kommt nur noch in Ausnahmefällen bei besonders beanspruchten Bauteilen wie Wasserspeiern zum Einsatz. Uta Tröger nähert sich Schritt für Schritt, mit Modeliermasse und Gips, Modell für Modell dem endgültigen Werk. Die Arbeit erfordert viel Geduld und Präzision. Dabei bleibt der Fokus immer auf die konkrete Arbeit an einem bestimmten Bauteil.

"Das Schöne an dem Beruf ist, das keine Routine aufkommt. Jede Aufgabe erfordert es, neu darüber nachzudenken, wie man es umsetzt. Es bleibt immer interessant."

Uta Tröger, Steinbildhauerin

Computerprogramme kommen nicht zum Einsatz. Sie seien zu ungenau, sagt Tröber. Zudem können die Modelle schwer nachgearbeitet werden. Jede Arbeit lebt durch die individuelle Kunstfertigkeit eines jeden Bildhauers. Dabei hat sie sich immer dem Gesamtkunstwerk unterzuordnen. Das sagt auch Markus Schroer. Er ist seit 40 Jahren an der Bauhütte und Praxisstipendiat der renommierten Deutschen Akademie Rom Villa Massimo. Er gehört gewissermassen zum Hütteninventar. Das hört man auch an der anhaltenden Begeisterung für seinen Beruf. Gerade arbeitet er an einer doppelstöckigen Kreuzblume mit Zwiebel und Teller. Sie ist etwa 1,25 Meter hoch. Aufgestellt wird sie später an einem der Türme in etwa einhundert Meter Höhe. Die Leichtigkeit, die er dem schweren Stein verleiht ist verblüffend. Da rankt und schwingt es sanft und gotisch geschmeidig. Etwa fünf Monate wird er den Obernkirchner Sandstein bearbeiten. Seit dem 19. Jahrhundert ist das Material das gleiche geblieben. In der Dombauhütte herrscht kein Zeitdruck, eher ein Qualitätsdruck. Hier können Arbeiten geschaffen werden, die unter wirtschaftlichen Aspekten keiner bezahlen würde. "Die bezahlen nicht unsere Arbeit, sondern unser Leben, damit wir diese Arbeit verrichten können", erklärt Schroer. Fehler kann auch er sich nur bedingt erlauben. Denn hier wird nur abgearbeitet. Wieder hinzufügen ist kaum möglich.
Sein Fachwissen gibt auch er, wie seit Jahrhunderten tradiert, an nachfolgende Steinmetz-Generationen weiter. Damit das auch zukünftig so bleibt, haben sich die Hütten in der Europäischen Vereinigung der Dombau-, Münsterbau- und Hüttenmeister e.V. vernetzt. Veranstaltet werden zahlreiche Dokumentations- und Erhaltungsaktivitäten, sowie Seminare und Austauschprogramme zur Jugend- und Wissensvermittlung. Mit diesem überregionalen Modell zur Erhaltung des Immateriellen Kulturerbes fördert die Vereinigung auch den europäischen Gedanken. Und das kann nicht oft genug gewürdigt werden.

Dombauhütte Köln. Der Steinmetz Markus Schroer ist seit etwa 40 Jahren an der Kölner Hütte.
Dombauhütte Köln Der Steinmetz Markus Schroer ist seit etwa 40 Jahren an der Kölner Hütte. © Hendrik Bohle
Dombauhütte Köln. Gerade entsteht in seiner Werkstatt eine doppelstöckige Kreuzblume mit Zwiebel und Teller aus Obernkirchner Sandstein.
Dombauhütte Köln Gerade entsteht in seiner Werkstatt eine doppelstöckige Kreuzblume mit Zwiebel und Teller aus Obernkirchner Sandstein. © Hendrik Bohle
Dombauhütte Köln. Als Vorlage dienen auch historische Texte, Zeichnungen und Fotografien.
Dombauhütte Köln Als Vorlage dienen auch historische Texte, Zeichnungen und Fotografien. © Hendrik Bohle
Dombauhütte Köln. Karola Müller-Weinitschke ist Restauratorin in der Glaswerkstatt und seit 33 Jahren an der Dombauhütte. Alle Objekte werden im Haus gesichtet, gesichert und aufgearbeitet.
Dombauhütte Köln Karola Müller-Weinitschke ist Restauratorin in der Glaswerkstatt und seit 33 Jahren an der Dombauhütte. Alle Objekte werden im Haus gesichtet, gesichert und aufgearbeitet. © Hendrik Bohle
Dombauhütte Köln. Werke aus dem 16. Jahrhundert werden restauriert und konserviert, Werke aus dem 19. Jahrhundert hingegen anhand der vorhandenen Vorlagen rekonstruiert.
Dombauhütte Köln Werke aus dem 16. Jahrhundert werden restauriert und konserviert, Werke aus dem 19. Jahrhundert hingegen anhand der vorhandenen Vorlagen rekonstruiert. © Hendrik Bohle
Dombauhütte Köln. Der Grundstein des Kölner Domes wurde 1248 gelegt. Seitdem besteht auch die Dombauhütte und zählt noch heute zu den besten in Europa.
Dombauhütte Köln Der Grundstein des Kölner Domes wurde 1248 gelegt. Seitdem besteht auch die Dombauhütte und zählt noch heute zu den besten in Europa. © Hendrik Bohle

"Man steht ehrfürchtig vor dem Werk und empfindet noch mehr Ehrfurcht vor seinen Vorgängern."

Markus Schroer, Steinmetz

Von Hendrik Bohle Architekt, Autor und Stadtforscher, veröffentlicht am .