Siedlung Heeper Fichten. Entwurf: Gustav Vogt. Fertigstellung: 1926. Danach mehrfach modernisiert.
Siedlung Heeper Fichten Entwurf: Gustav Vogt. Fertigstellung: 1926. Danach mehrfach modernisiert. © Jan Dimog, thelink.berlin
Siedlung Heeper Fichten. Das Ensemble bildet den äußeren Bereich des "fünften Kantons", dem östlichen Gebiet der Bielefelder Innenstadt.
Siedlung Heeper Fichten Das Ensemble bildet den äußeren Bereich des "fünften Kantons", dem östlichen Gebiet der Bielefelder Innenstadt. © Jan Dimog, thelink.berlin
Siedlung Heeper Fichten. Vogt gelang mit seinem Entwurf eine in sich geschlossene, fast autonome Siedlung zu schaffen mit Nahversorgung, Kindertagesstätte, einem Kulturhaus und einem zentralen Waschhaus.
Siedlung Heeper Fichten Vogt gelang mit seinem Entwurf eine in sich geschlossene, fast autonome Siedlung zu schaffen mit Nahversorgung, Kindertagesstätte, einem Kulturhaus und einem zentralen Waschhaus. © Jan Dimog, thelink.berlin

Am Anfang stand die Ablehnung. Nein, zu den Arbeitern und zu ihrer Beteiligung. Dabei ging es lediglich um Sport. Die Stadt Bielefeld verwehrte den Arbeitern den Zugang in die städtischen Turnhallen. So schufen sich die Arbeitersportler ihre eigene Infrastruktur. Was mit dem Bau von Sporträumen für die Arbeiterklasse begann, entwickelte sich zu der Wohnungsgenossenschaft Freie Scholle, die heute zu den größten der Stadt gehört. Besonders die beiden denkmalgeschützten Siedlungen Heeper Fichten und Siekerfelde haben Bielefeld mit ihrer Reformarchitektur baukulturell mitgeprägt. Die auch als Heimatarchitektur bekannte Richtung verband schlichte, teils strenge Formen mit regionalen Traditionen. Während Siekerfelde sachlich-symmetrisch angelegt ist, erscheint das Heeper Fichten-Ensemble expressionistisch-burgähnlich. Die Backsteinfassaden, Torbögen und Ausbuchtungen stehen einerseits für die Wehrhaftigkeit der Arbeiter, können andererseits als Referenz an eines der Wahrzeichen der Stadt verstanden werden: der Sparrenburg. 

Ziegelstein-City mit Charakter

Der Bielefelder Architekt Gustav Vogt konzipierte die Anlage entsprechend der Wohnbedürfnisse der Arbeiterschaft und mit großzügigen, parkähnlichen Höfen. Hinzu kamen Gemeinschaftsbereiche wie ein Waschhaus mit Waschmaschinen und Heißmangeln, ein Kinderhort und Jugendheim mit Bibliothek und Lesezimmer. Das Friedrich-Ebert-Haus (früher Kulturzentrum, heute eine Gaststätte) plante Vogt mit Quadern, einem langgestreckten einstöckigem Bau, Flachdächern und vertikalen Fenstern. Wer die Siedlung zum ersten Mal besucht, sollte sich diesem Paradegebäude der Moderne von der Ziegelstraße und der Carl-Hoffmann-Straße nähern. Auf diese Weise wird Vogts Idee klar erkennbar: ein repräsentatives, helles Bauhaus-Gebäude umgeben von souveränen Arbeiterburgen.

Fast 100 Jahre nach ihrer Fertigstellung und mehreren Modernisierungen erscheint die Siedlung wie ein lebendiges Denkmal, das dem heutigen Wohnungsbau in nichts nachsteht, im Gegenteil. Die Neubauprojekte im Viertel sind hier alienhaft hineingekracht oder bestenfalls fremdkörperartig. Das wiederum hat der „5. Kanton“ mit seinem knapp 11.000 Menschen nicht verdient. Das Gebiet östlich der Innenstadt von Bielefeld befindet sich seit Jahren im Umbruch, zu sehen an mehreren Neubauten am Ostbahnhof und an der Bleichstraße, nur wenige hundert Meter von der Vogtschen Backsteinsiedlung entfernt. In diesem traditionellen Arbeiterviertel überwiegen die schlichten, schmucklosen Putzbauten mit einer gewachsenen, multikulturellen Gemeinschaft. Das Neue dagegen kann in seiner polierten Verschlossenheit und öden Kleinteiligkeit nicht mit der Raffinesse der grünen Ziegelstein-City von Gustav Vogt mithalten. Was für dessen Reformarchitektur spricht und gegen die aalglatten Antihafthäuser. 

Siedlung Heeper Fichten. Zusammen mit der Siedlung „Im Siekerfelde“ hat die Arbeiterwohnsiedlung Modellcharakter.
Siedlung Heeper Fichten Zusammen mit der Siedlung „Im Siekerfelde“ hat die Arbeiterwohnsiedlung Modellcharakter. © Jan Dimog, thelink.berlin
Siedlung Heeper Fichten. Beide galten bei ihrer Fertigstellung als Reformsiedlung, da sie nicht nur Wohnraum, sondern auch Gemeinschaftseinrichtungen, große und grüne Innenhöfe sowie Spielplätze boten.
Siedlung Heeper Fichten Beide galten bei ihrer Fertigstellung als Reformsiedlung, da sie nicht nur Wohnraum, sondern auch Gemeinschaftseinrichtungen, große und grüne Innenhöfe sowie Spielplätze boten. © Jan Dimog, thelink.berlin
Siedlung Heeper Fichten. Die ersten Wohnhäuser mit 135 Wohnungen wurden an der Adolf-Damaschke-Straße, der Ziegel- und Althoffstraße gebaut. Jede Wohnung hatte eine Speisekammer und ein eigenes Klo.
Siedlung Heeper Fichten Die ersten Wohnhäuser mit 135 Wohnungen wurden an der Adolf-Damaschke-Straße, der Ziegel- und Althoffstraße gebaut. Jede Wohnung hatte eine Speisekammer und ein eigenes Klo. © Jan Dimog, thelink.berlin
Siedlung Heeper Fichten. Die Architektur symbolisierte die wehrhafte Arbeiterschaft.
Siedlung Heeper Fichten Die Architektur symbolisierte die wehrhafte Arbeiterschaft. © Jan Dimog, thelink.berlin
Siedlung Heeper Fichten. Filigran wirkende Torbögen, Ausbuchtungen und expressive Backsteinfassaden sind die Merkmale der Heeper Fichten.
Siedlung Heeper Fichten Filigran wirkende Torbögen, Ausbuchtungen und expressive Backsteinfassaden sind die Merkmale der Heeper Fichten. © Jan Dimog, thelink.berlin
Siedlung Heeper Fichten. Das Friedrich-Ebert-Haus plante Gustav Vogt als architektonisches Gegenstück zu den Wohnhäusern. Fertigstellung: 1931.
Siedlung Heeper Fichten Das Friedrich-Ebert-Haus plante Gustav Vogt als architektonisches Gegenstück zu den Wohnhäusern. Fertigstellung: 1931. © Jan Dimog, thelink.berlin
Siedlung Heeper Fichten. Ein repräsentatives, helles Bauhaus-Gebäude – früher Kulturzentrum, heute eine Gaststätte und weiterhin ein Treffpunkt der Nachbarschaft.
Siedlung Heeper Fichten Ein repräsentatives, helles Bauhaus-Gebäude – früher Kulturzentrum, heute eine Gaststätte und weiterhin ein Treffpunkt der Nachbarschaft. © Jan Dimog, thelink.berlin

Von Jan Dimog Publizist und Gründer, veröffentlicht am .