Einen guten Überblick bekommt man vom steinernen Wahrzeichen der Stadt. Die mittelalterliche Sparrenburg ist nur in Fragmenten erhalten, aber die sind nicht weniger imposant wie der weite Blick. 2014 erhielt die Anlage ein neues Besucherzentrum von Max Dudler mit Simone Boldrin (Projektleitung). Die Stampflehmkubatur passt sich unaufgeregt, aber sehr überzeugend an das historische Gemäuer. Auf dem gegenüberliegenden Johannisberg entwarf das Büro weitere Zwillingspavillons aus geschichtetem Lehm. Der Informationspunkt der Parklandschaft Johannisberg ist Teil eines Leitsystems durch die weitläufige Garten- und Parkanlage, die von den Bielefelder Landschaftsarchitekten L-A-E behutsam instand gesetzt wurde. Am Fuße der Burg steht ein Gebäude, das entfernt an Henry van de Veldes Kunstgewerbeschule in Weimar erinnert. Die staatlich-städtische Handwerker- und Kunstgewerbeschule Bielefeld entstand 1913 nach Entwürfen des Stadtbaurats Friedrich Schultz in reformerischem Geist. Heute befindet sich hier die Musik- und Kunstschule mit dem kleinen Café Muku. 

Sparrenburg. Die mittelalterliche Festung thront auf dem 180 Meter hohen Sparrenberg im Teutoburger Wald. Die Anlage geht im Wesentlichen auf das 16. und 19. Jahrhundert zurück.
Sparrenburg Die mittelalterliche Festung thront auf dem 180 Meter hohen Sparrenberg im Teutoburger Wald. Die Anlage geht im Wesentlichen auf das 16. und 19. Jahrhundert zurück. © Hendrik Bohle
Sparrenburg. Seit 2014 empfängt ein neues Besucherzentrum nach Entwürfen von Max Dudler und Simone Boldrin.
Sparrenburg Seit 2014 empfängt ein neues Besucherzentrum nach Entwürfen von Max Dudler und Simone Boldrin. © Jan Dimog
Johannisberg. Auf dem gegenüberliegenden Johannisberg schufen sie einen neuen Informationspunkt aus Stampflehm.
Johannisberg Auf dem gegenüberliegenden Johannisberg schufen sie einen neuen Informationspunkt aus Stampflehm. © Stefan Müller
Musik- und Kunstschule. Das Haus steht für den reformerischen Geist vor dem ersten großen Krieg. Entwurf: Friedrich Schultz und 1913 fertiggestellt.
Musik- und Kunstschule Das Haus steht für den reformerischen Geist vor dem ersten großen Krieg. Entwurf: Friedrich Schultz und 1913 fertiggestellt. © Jan Dimog

Kunstquartier

Noch mehr Kunst gibt es in einer der schönsten Kunsthallen des Landes zu sehen. Sie feierte 2018 ihr 50jähriges Bestehen. Ihr Architekt war der erste Pritzker-Preisträger Philipp Johnson. Die Kunsthalle Bielefeld ist die einzige, die er in Europa erbaute. Der rote Sandsteinkubus ist umwerfend, die wechselnden Ausstellungen und ihre Sammlung herausragend. Längst ist eine schon von Beginn an gewünschte Erweiterung überfällig. Ein zuletzt von Sou Fujimoto erarbeiteter Entwurf liegt bereits in der Schublade und wartet nur darauf, umgesetzt zu werden. Es braucht nur noch mutige Entscheidungsträger, diesen umzusetzen. Sein Final Wooden House ist neben Werken von Rodin, Rückriem und Serra bereits jetzt im Skulpturenpark zu sehen. Anlässlich des Jubiläums entstand durch besonderes Engagement des leider scheidenden Direktors Friedrich Meschede der Bus Shelter XII – Shattered Glass / The Confessions of Philip Johnson des amerikanischen Künstlers Dennis Adams. Seitdem blickt Johnson nachdenklich auf das kulturelle Treiben der Stadt. Am südöstlichen mittelalterlichen Stadtring hat sich in den letzten Jahren ein kleines Kunstquartier entwickelt. 2018 eröffnete das Kunstforum Hermann Stenner mit einem hasenfüßigen Anbau an die klassizistische Villa Weber, den die Founders Foundation, ein von der Bertelsmann-Stiftung initiierter Start up-Inkubator, bezogen hat. 

Schon seit Jahrzehnten überzeugt der Bielefelder Kunstverein im benachbarten Museum Waldhof mit ambitionierten Wechselausstellungen. Alle zwei Jahre findet die Reihe “Baukunst” statt. Noch bis zum 07. Juli ist hier “Bayerwaldzyklus Peter Haimerl. Architektur.” des bayerischen Ausnahme-Baukünstlers zu sehen. Der Kunstverein befindet sich in einem Adelshof aus dem 16. Jahrhundert im Stil der Weserrenaissance. Der weiße Putz und die Sandsteineinfassungen der Ecken und Sockel ist typisch für die vernakuläre Architektur der Region: bodenständig und still, wie der Ostwestfale an sich. 

Kunsthalle Bielefeld. Seit seiner Eröffnung 1968 ein großes Glück für die Stadt. Entwurf: Philip Johnson und 1968 fertiggestellt.
Kunsthalle Bielefeld Seit seiner Eröffnung 1968 ein großes Glück für die Stadt. Entwurf: Philip Johnson und 1968 fertiggestellt. © Hendrik Bohle
Final Wooden House. Ein Geschmack darauf, was mit Sou Fujimoto möglich wäre.
Final Wooden House Ein Geschmack darauf, was mit Sou Fujimoto möglich wäre. © Hendrik Bohle
Bus Shelter XII. Mit Dennis Adams kehrt Philipp Johnsons kritischer Blick zurück nach Bielefeld.
Bus Shelter XII Mit Dennis Adams kehrt Philipp Johnsons kritischer Blick zurück nach Bielefeld. © Jan Dimog
Kunstforum Hermann Stenner. Kunst, Bildung und Entrepreneurs: Die neue Zukunft für die ostwestfälische Provinz?
Kunstforum Hermann Stenner Kunst, Bildung und Entrepreneurs: Die neue Zukunft für die ostwestfälische Provinz? © Hendrik Bohle
Bielefelder Kunstverein. Die Institution im Museum Waldhof ist eine der größten Kunstvereine des Landes und überzeugt immer wieder mit feinen Ausstellungen.
Bielefelder Kunstverein Die Institution im Museum Waldhof ist eine der größten Kunstvereine des Landes und überzeugt immer wieder mit feinen Ausstellungen. © Hendrik Bohle

Kaffee, Tabak und die Goldenen Zwanziger

Durch die angrenzende Altstadt sollte man sich treiben lassen. Zwar wurde ein Großteil der Bauten innerhalb der hufeisenförmigen Wallanlagen zerstört, dennoch gibt es einige Rekonstruktionen und überzeugende Füllungen der Nachkriegsmoderne. Besonders schön ist der Klosterplatz mit St. Jodokus. In der angrenzenden Hagenbruchstraße sollte man wenigstens einen Kaffee im Kachelhaus von 1928 trinken. Die Fassadenbekleidung aus grünen Meißner Kacheln ist außen wie innen wundervoll. Bielefelds gute Stube ist der Alte Markt. Giebelständige Häuser der Weserrenaissence und das Theater am Alten Markt fassen den schlichten Platz. Das Schönste ist das Crüwell-Haus als letztes Relikt einer Zeit, in der Bielefeld ein bedeutendes Zentrum der Tabakproduktion war. 

“The Bernstein” ist die Rooftop-Location Bielelefelds schlechthin und besonders in der Dämmerung zu empfehlen, mit Plätzen draußen wie drinnen. Das Restaurant krönt ein Geschäftshaus aus den 1950ern. Mit viel Nussbaum, Stahl und Petroleumblau verpasste der Architekt Andreas G. Hanke dem Raum ein gelungenes Redesign à la Golden Twenties. Das Café Europa und das Haus der Technik im Stil der Neuen Sachlichkeit sind von hier aus gut zu sehen. Den Turmbau aus Ziegel entwarf der Berliner Architekt K. H. Tischer 1929. Der originale Aufbau aus Glas wurde leider im Krieg zerstört. 

Kachelhaus. Grüne Kachelkunst der 1920er-Jahre aus Meissen.
Kachelhaus Grüne Kachelkunst der 1920er-Jahre aus Meissen. © Hendrik Bohle
Crüwellhaus. Das Bürgerhaus im Stil der Spätgotik wurde um 1530 errichtet.
Crüwellhaus Das Bürgerhaus im Stil der Spätgotik wurde um 1530 errichtet. © Hendrik Bohle
The Bernstein. Golden Twenties-Zitate über den Dächern der Stadt.
The Bernstein Golden Twenties-Zitate über den Dächern der Stadt. © Henrik Schipper, Quelle Brumberg Leuchten
Haus der Technik. Bei seiner Eröffnung 1929 wurde das Gebäude als neumodisch kritisiert. Heute zählt es ebenso wie des ein Jahr später eröffnete, benachbarte Café Europa zu den schönsten Bauwerken am Jahnplatz.
Haus der Technik Bei seiner Eröffnung 1929 wurde das Gebäude als neumodisch kritisiert. Heute zählt es ebenso wie des ein Jahr später eröffnete, benachbarte Café Europa zu den schönsten Bauwerken am Jahnplatz. © Hendrik Bohle

Textil und Kultur

In unregelmäßigen Abständen finden Konzerte und andere Kulturveranstaltungen in Katrin Stallmanns Tragbar-Laden statt. Eigentlich stellt die Modedesignerin hier ihre hochwertige Upcycling-Mode aus. Nach Stationen in London und Berlin, führte sie der Weg zurück in die Leineweberstadt. Laden und Werkstatt liegen in der Ravensberger Strasse, in einem Stadtteil wo über Jahrhunderte Stoffe produziert und verarbeitet wurden. Im Zentrum steht hier die Ravensberger Spinnerei im gleichnamigen Park. Sie zählte im 19. und frühen 20. Jahrhundert zu den größten Flachsspinnereien Europas. Die schlossähnliche Anlage beherbergt die VHS, das Historische Museum, das Programmkino “Lichtwerk” und weitere Kultureinrichtungen. Das Museum Huelsmann in der ehemaligen Fabrikantenvilla zeigt Meisterwerke des europäischen Kunsthandwerks aus Renaissance, Barock und Klassizismus, sowie asiatische Kunst. Ein besonderes Kleinod ist das Museum Wäschefabrik in der nahen Viktoriastraße. Die 1920er-Jahre war die Blütezeit der Aussteuerproduktion. Das Anwesen wirkt wie gerade verlassen und gibt einen authentischen Einblick in die Arbeitsbedingungen jener Zeit. 

Tragbar. Die Modedesignerin Katrin Stallmann entwirft Upcycling Mode. Dort wo über Jahrhunderte Stoffe produziert und verarbeitet wurden.
Tragbar Die Modedesignerin Katrin Stallmann entwirft Upcycling Mode. Dort wo über Jahrhunderte Stoffe produziert und verarbeitet wurden. © Katrin Stallmann
Ravensberger Park. Die Ravensberger Spinnerei war im 19. und 20. Jahrhundert eine der größten Flachsspinnereien Europas.
Ravensberger Park Die Ravensberger Spinnerei war im 19. und 20. Jahrhundert eine der größten Flachsspinnereien Europas. © Hendrik Bohle
Ravensberger Park. Das Museum Huelsmann befindet sich in der 1865 erbauten Direktorenvilla der ehemaligen Textilfabrik. Gebäude und Park stehen heute unter Denkmalschutz.
Ravensberger Park Das Museum Huelsmann befindet sich in der 1865 erbauten Direktorenvilla der ehemaligen Textilfabrik. Gebäude und Park stehen heute unter Denkmalschutz. © Hendrik Bohle
Museum Wäschefabrik. Ganz in der Nähe des Parks scheint im Museum Wäschefabrik die Zeit stehen geblieben zu sein. Es gibt einen guten Einblick in die Arbeitsbedingungen jener Zeit.
Museum Wäschefabrik Ganz in der Nähe des Parks scheint im Museum Wäschefabrik die Zeit stehen geblieben zu sein. Es gibt einen guten Einblick in die Arbeitsbedingungen jener Zeit. © Guntram Thielsch

Drei Häuser, eine Bühne

Die Bühnen und Orchester der Stadt Bielefeld verteilen sich auf drei Häuser, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Das Theater am Alten Markt (TAM) befindet sich in einem schlichten Gebäude, in dem sich bis 1904 das Bielefelder Rathaus befand. Das Stadttheater strahlt hingegen sehr viel opulenter. Sein Bau geht auf eine Stiftung der Tabakfabrikantenwitwe Crüwell im Jahr 1885 zurück. Bis zur Grundsteinlegung dauerte es aber noch weitere 20 Jahre. Geplant wurde es vom Berliner Architekten Berhard Sehring, der dort auch das Theater des Westens und in der Lausitz das imposante Cottbusser Stadttheater entworfen hatte. 

Das architektonisch interessanteste und akustisch exzellenteste Bauwerk aber ist die Rudolf-Oetker-Halle östlich des historischen Stadtzentrums. Sie wurde zwischen 1928 und 1930 zum Gedenken an den musikbegeisterten Sohn der Bielefelder Unternehmerfamilie nach Entwürfen von Hans Tietmann und Kurt Haake errichtet. Der seicht-monumentale Bau am Rande des gleichnamigen Parks steht auf einem Podest und verzichtet auf jegliche Dekoration. Den sachlich eleganten Haupteingang im Norden betonen eine breite Treppenanlage und neun schmale Bögen, weshalb die Baumeister ihr Werk auch als “Die Neunte” bezeichnet haben sollen. Mit der gelungenen Umwandlung des Garderobenraums durch das Bielefelder Büro Wannenmacher + Möller ist 2018 ein weiterer Bühnenraum für zeitgenössische Formate entstanden. 

Oetkerhalle. Eine Perle der Architektur der späten 1920er-Jahre.
Oetkerhalle Eine Perle der Architektur der späten 1920er-Jahre. © Jan Dimog
Oetkerhalle. Der neue Garderoben- und Bühnenraum vom Büro Wannenmacher + Möller. Die weichen Stoffe und beweglichen Elemente schaffen einen angenehm zurückhaltenden Kontrast zum historischen Gebäude.
Oetkerhalle Der neue Garderoben- und Bühnenraum vom Büro Wannenmacher + Möller. Die weichen Stoffe und beweglichen Elemente schaffen einen angenehm zurückhaltenden Kontrast zum historischen Gebäude. © Csaba Mester

Von Hendrik Bohle Architekt, Autor und Stadtforscher, veröffentlicht am .