Lascaux in Montignac: Geritzt und gemalt

Die sanften Hügel um Montignac verbergen einen jahrtausendealten Schatz. Als die vier Freunde Marcel Ravidat, Jacques Marsal, Georges Agnel und Simon Coencas 1940 zufällig in die Höhle stiegen, ahnten sie nicht, welche Entdeckung sie machen würden. An den feuchten Kalksteinwänden fanden sich Ritzungen und Wandmalereien, die das Leben in der Dordogne vor 20.000 Jahren beschrieben. Die jungpaläolithischen Darstellungen von Mensch und Tier machten die Grotte schnell zu einer Pilgerstätte. Wechselnde klimatische Bedingungen durch die Vielzahl der Besucher drohten die Kunstwerke unwiederbringlich zu zerstören. So entschied man sich 1963 für die Schließung und eine originalgetreue Nachbildung für zukünftige Besichtigungen. 2018 eröffnete mit der vierten die vorerst letzte Höhlenversion. Die Wettbewerbsausschreibung schien perfekt auf das norwegische Büro Snøhetta zugeschnitten, wurden sie in den vergangenen Jahren besonders auch wegen ihrer landschaftsbezogenen Entwürfe gefeiert. Ihre Hülle für die mehr als 250 Meter lange Höhlennachbildung von Lascaux schmiegt sich sanft an den Hügel. Zugleich entwickelt der ikonisch gefaltete Bau genügend Strahlkraft, um weitere Besucher für den Ort zu begeistern und auch international eine Landmarke zu setzen.  

"The form and materiality of the museum have a monolithic, sober expression, speaking to the surrounding nature and the massive rock formations embedded in the hill, with a new public, agricultural landscape unfolding around it."

Snøhetta, Architekturbüro aus Norwegen, 1989 gegründet von Kjetil Thorsen (Norwegen) und Craig Dykers (USA).
Montignac. Entwurf: Snøhetta, 2018. Durch das ursprüngliche Tal zogen in der Steinzeit riesige Herden von Rentieren, Wisente und Pferde. Zusammen mit dem benachbarten Tal der Dordogne trägt das Tal der Vezère auch den Beinamen „Wiege der Menschheit“. Snøhetta begreifen ihren Entwurf als feinen Schnitt entlang zweier einzigartiger Landschaften, zwischen dem dicht bewaldeten, geschützten Hang und dem landwirtschaftlich geprägten Vézère-Tal.
Montignac Entwurf: Snøhetta, 2018. Durch das ursprüngliche Tal zogen in der Steinzeit riesige Herden von Rentieren, Wisente und Pferde. Zusammen mit dem benachbarten Tal der Dordogne trägt das Tal der Vezère auch den Beinamen „Wiege der Menschheit“. Snøhetta begreifen ihren Entwurf als feinen Schnitt entlang zweier einzigartiger Landschaften, zwischen dem dicht bewaldeten, geschützten Hang und dem landwirtschaftlich geprägten Vézère-Tal. © Jan Dimog
Centre International de l’Art Pariétal. Das Bauwerk scheint wie aus dem Hügel gegraben. Die gläserne Front und der alternierende, breite Betonsturz wirken wie ein stilisiertes Landschaftsmotiv.
Centre International de l’Art Pariétal Das Bauwerk scheint wie aus dem Hügel gegraben. Die gläserne Front und der alternierende, breite Betonsturz wirken wie ein stilisiertes Landschaftsmotiv. © Jan Dimog
Centre International de l’Art Pariétal. Über einen gläsernen Aufzug gelangen die Besuchergruppen zunächst auf das Dach des Besucherzentrums. Von hier begeben sie sich auf eine erstaunliche Entdeckungsreise durch die Höhle von Lascaux IV.
Centre International de l’Art Pariétal Über einen gläsernen Aufzug gelangen die Besuchergruppen zunächst auf das Dach des Besucherzentrums. Von hier begeben sie sich auf eine erstaunliche Entdeckungsreise durch die Höhle von Lascaux IV. © Hendrik Bohle
Centre International de l’Art Pariétal. Natursteinwände kontrastieren mit Betonwänden, deren Oberflächen so bearbeitet wurden, das sie einen Verweis auf die Schichtung des Bodens geben.
Centre International de l’Art Pariétal Natursteinwände kontrastieren mit Betonwänden, deren Oberflächen so bearbeitet wurden, das sie einen Verweis auf die Schichtung des Bodens geben. © Hendrik Bohle
Centre International de l’Art Pariétal. Um nahezu identische Harzreplikate der Höhlenabschnitte zu erhalten, nutzte man fortschrittliche 3D-Laserscanning- und Gießtechniken. 25 Künstler bemalten über einen Zeitraum von zwei Jahren 900 Meter künstliche Höhle mit der Hand. Sie verwendeten dabei dieselben Pigmente wie auch die prähistorischen Maler. So entstanden fast 2.000 Kunstwerke neu.
Centre International de l’Art Pariétal Um nahezu identische Harzreplikate der Höhlenabschnitte zu erhalten, nutzte man fortschrittliche 3D-Laserscanning- und Gießtechniken. 25 Künstler bemalten über einen Zeitraum von zwei Jahren 900 Meter künstliche Höhle mit der Hand. Sie verwendeten dabei dieselben Pigmente wie auch die prähistorischen Maler. So entstanden fast 2.000 Kunstwerke neu. © Hendrik Bohle
Centre International de l’Art Pariétal. Das Londoner Designstudio Casson Mann gestaltete ein besonders überzeugendes Besuchererlebnis für das Museum und interpretierte die paläolithisch bemalte Höhle mit interaktiver Technologie neu.
Centre International de l’Art Pariétal Das Londoner Designstudio Casson Mann gestaltete ein besonders überzeugendes Besuchererlebnis für das Museum und interpretierte die paläolithisch bemalte Höhle mit interaktiver Technologie neu. © Jan Dimog

Musée Vésunna in Périgueux: Geschichtet und gedeckt

Einige Kilometer weiter westlich schuf Jean Nouvel bereits 2003 ein schützendes Dach für die Grabungsstätte einer gallo-römischen Residenz. Das antike Vésunna lag inmitten der „Region des Wassers“ und wurde im ersten Jahrhundert von den Römern gegründet. Unter dem heutigen Périgueux sind vermutlich noch unzählige Relikte und Mauerreste verborgen. Nouvel umschloss das weitläufige Domus von Vésunna mit einer gläsernen Hülle, die von dünnem Stahl gehalten wird. Der Blick fällt frei in die Umgebung und zurück. Es entstehen unmittelbare Bezüge wie etwa auf den „Tour de Vésone“, eine gallo-römische Tempelruine oder die Reste der römischen Stadtmauer. Das Dach wurde streng nach dem Grundriss der ehemaligen Residenz ausgerichtet, hat eine sehr feine Traufkante und scheint über der Grabungsstätte zu schweben. Seine weite Auskragung schützt die Funde vor direkter Sonneneinstrahlung. Am Boden fällt der Blick auf bereits geborgene und noch verborgene Mauerreste unter dem Gelände. Alles wirkt so, als würde hier noch geforscht und gegraben. Dabei ist das Museum randvoll gefüllt mit Mosaikmalereien, Schmuck, Keramiken und anderen Relikten aus der unmittelbaren Umgebung. 

Périgueux. Neben der gallo-römischen Stätte zählt auch die Altstadt mit Bauwerken aus dem Mittelalter und der Renaissance zum UNESCO-Welterbe. Besonders die Türme der römisch-katholischen Kathedrale Saint-Front prägen die Silhouette der Kunst- und Museumsstadt Périgueux.
Périgueux Neben der gallo-römischen Stätte zählt auch die Altstadt mit Bauwerken aus dem Mittelalter und der Renaissance zum UNESCO-Welterbe. Besonders die Türme der römisch-katholischen Kathedrale Saint-Front prägen die Silhouette der Kunst- und Museumsstadt Périgueux. © Jan Dimog
Musée Vésunna. Entwurf: Jean Nouvel, 2003. Bäume und Bauwerke spiegeln sich an den Glaswänden und tragen so zur Magie des Ortes bei. Das kleine Haus neben der Ruine wurde im 18. Jahrhundert errichtet. Es war einst der Arbeitsplatz des ersten Archäologen, der an den Ausgrabungen von Vésunna arbeitete. Nouvel ließ es zusammen mit Philippe Oudin, dem lokalen Leiter der historischen Gebäude, restaurieren.
Musée Vésunna Entwurf: Jean Nouvel, 2003. Bäume und Bauwerke spiegeln sich an den Glaswänden und tragen so zur Magie des Ortes bei. Das kleine Haus neben der Ruine wurde im 18. Jahrhundert errichtet. Es war einst der Arbeitsplatz des ersten Archäologen, der an den Ausgrabungen von Vésunna arbeitete. Nouvel ließ es zusammen mit Philippe Oudin, dem lokalen Leiter der historischen Gebäude, restaurieren. © Jan Dimog
Musée Vésunna. Als einer der schönsten Räume erscheint der kleine, quadratische Vorplatz mit einer 200 Jahre alten Eiche.
Musée Vésunna Als einer der schönsten Räume erscheint der kleine, quadratische Vorplatz mit einer 200 Jahre alten Eiche. © Jan Dimog
Musée Vésunna. Laufstege führen über das weitläufige Ausgrabungsgelände mit dem zentralen Brunnen, den Stützpfeilern und dem Unterflur-Hypokaust-System sowie originalen Mosaikmalereien, Schmuck, Keramiken und einer Wasserpumpe.
Musée Vésunna Laufstege führen über das weitläufige Ausgrabungsgelände mit dem zentralen Brunnen, den Stützpfeilern und dem Unterflur-Hypokaust-System sowie originalen Mosaikmalereien, Schmuck, Keramiken und einer Wasserpumpe. © Hendrik Bohle
Musée Vésunna. Die römische Residenz wurde um einen großen Innenhof gebaut, der von Kolonnaden begrenzt war. Nouvel zeichnete einen großformatig, gespiegelten Grundriss an die Decke, der sich über die Glaswände hinaus erstreckt. Ein kluges Detaill, das bei der Orientierung hilft.
Musée Vésunna Die römische Residenz wurde um einen großen Innenhof gebaut, der von Kolonnaden begrenzt war. Nouvel zeichnete einen großformatig, gespiegelten Grundriss an die Decke, der sich über die Glaswände hinaus erstreckt. Ein kluges Detaill, das bei der Orientierung hilft. © Jan Dimog

Saint-Émilion: Konzentriert und erneuert

In seinen Anfängen ging es in Saint-Émilion äußerst fromm zu. Zwischen dem 8. und 18. Jahrhundert ließen sich Benediktiner-, Augustiner-, Franziskaner- und Dominikaner-Mönche sowie Schwestern der Ursulinen auf dem schmalen Felsvorsprung nieder. Die vielen Klöster und Kirchen prägen noch heute das sandsteinfarbene Bild des Dorfes. Besonders beeindruckend ist die in den Kalk geschlagene Felsenkirche, die größte ihrer Art in Europa. Seinen Reichtum erlangte Saint-Émilion durch den extensiven Naturstein-Abbau. Auf 80 Hektar entstand ein riesiges Netz an unterirdischen Gängen mit einer Länge von insgesamt 200 Kilometern. Zu internationalem Ruhm kam das Kalkstein-Plateau aber erst im 19. Jahrhundert mit einer exklusiven Monokultur – dem Weinanbau. Heute gibt es zwölf verschiedene Herkunftsbezeichnungen im gesamten Gebiet, unter ihnen die beiden bekanntesten Saint-Émilion und Saint-Émilion Grand Cru. 

Altehrwürdige Châteaus krönen seit Jahrhunderten die Weinberge der Region. Mehr als 800 Weingüter verteilen sich auf 7.800 Hektar Land. Mit zunehmender Bedeutung des Weintourismus setzen die Grand-Cru-Weingüter auf ein neues Image, vor allem mit Hilfe bekannter Namen aus der Architekturszene und spektakulärer Neubauten. 1987 veredelte Ricardo Bofill eines der berühmtesten Weingüter im Bordelais. Für das Château Lafite Rothschild in Pauillac versenkte der katalanische Großmeister einen neuen, kreisrunden Fasskeller für mehr als 2000 Barriques im Médoc. In Saint-Émilion folgten unter anderem Kellereien für Cos d’Estournel von Jean-Michel Wilmotte (2008), Château Faugères von Mario Botta (2009) und der schwebende Garten von Château Cheval Blanc von Christian de Portzamparc (2011). Auf dem benachbarten Gut Château La Dominique entstand 2013 ein roter Riegel als Erweiterung des behutsam renovierten Bestandsgebäudes. Jean Nouvel schuf einen spannungsvollen Kontrast zum Stein, indem er die neue Fassade mit auf Hochglanz polierten Inoxpaneelen in sechs verschiedenen Rottönen verkleidete und die umgebende Kulturlandschaft auf ihnen spiegeln ließ. Anders als in anderen Regionen errichteten die Bordelaiser Châteaus keine Erlebnisgüter, sondern konzentrierten sich bei der architektonischen Ausgestaltung auf die Weinkeller, also auf die Orte, in denen die Erträge der Lese vergoren und die Weine später in Fässer zu dem abgefüllt werden, wofür sie weltweit geschätzt werden.

„The idea was born of creating an object that would rise up out of the existing building – a big stone barn smack bang in the middle of the domaine – and would venture into the vines like a piece of land art, in a nod to the artist Anish Kapoor.“

Jean Nouvel, Architekt
Saint-Émilion. Der kleine Ort zählt mit seiner umgebenden Landschaft, den scheinbar endlosen Weinreben und den zahlreichen Weingütern seit 1999 zum UNESCO Weltkulturerbe.
Saint-Émilion Der kleine Ort zählt mit seiner umgebenden Landschaft, den scheinbar endlosen Weinreben und den zahlreichen Weingütern seit 1999 zum UNESCO Weltkulturerbe. © Hendrik Bohle
Saint-Émilion. Die Stiftskirche und das Kloster wurde zwischen dem 12. und 15. Jahrhundert von Augustinern erbaut. Der Kreuzgang im Innenhof verblüfft mit einer zeitgenössischen Kunstinstallation im Kontrast zum historischen Stein.
Saint-Émilion Die Stiftskirche und das Kloster wurde zwischen dem 12. und 15. Jahrhundert von Augustinern erbaut. Der Kreuzgang im Innenhof verblüfft mit einer zeitgenössischen Kunstinstallation im Kontrast zum historischen Stein. © Hendrik Bohle
Château La Dominique. Entwurf: Jean Nouvel, 2003. Auch Nouvel schuf mit seinem weinrot, spiegelnden Erweiterungsgebäude einen spannungsvollen Kontrast zum behutsam renovierten Bestand. Château La Dominique zählt zur Spitzengruppe der Gran Cru Classé.
Château La Dominique Entwurf: Jean Nouvel, 2003. Auch Nouvel schuf mit seinem weinrot, spiegelnden Erweiterungsgebäude einen spannungsvollen Kontrast zum behutsam renovierten Bestand. Château La Dominique zählt zur Spitzengruppe der Gran Cru Classé. © Hendrik Bohle
Château La Dominique. Die Erweiterung wirkt wie eine Skulptur, die weit in die angrenzenden Weinreben hineinragt.
Château La Dominique Die Erweiterung wirkt wie eine Skulptur, die weit in die angrenzenden Weinreben hineinragt. © Hendrik Bohle
Château La Dominique. Nouvel bekleidete das Bauwerk mit polierten Inoxpaneelen, die in insgesamt sechs verschiedenen Rottönen die Umgebung wiederspiegeln. Vorbild waren die Arbeiten des indisch-britschen Bildhauers Anish Kapoor, dessen zentrales Thema auch die Reflexion und Perspektive ist.
Château La Dominique Nouvel bekleidete das Bauwerk mit polierten Inoxpaneelen, die in insgesamt sechs verschiedenen Rottönen die Umgebung wiederspiegeln. Vorbild waren die Arbeiten des indisch-britschen Bildhauers Anish Kapoor, dessen zentrales Thema auch die Reflexion und Perspektive ist. © Hendrik Bohle
Château La Dominique. Die abgedunkelte Glasfront, hinter der die dreiundzwanzig konischen Tanks aus Edelstahl nur schemenhaft zu erkennen sind, wirkt wie ein Spiegel, in dem die Kulturlandschaft reflektiert wird.
Château La Dominique Die abgedunkelte Glasfront, hinter der die dreiundzwanzig konischen Tanks aus Edelstahl nur schemenhaft zu erkennen sind, wirkt wie ein Spiegel, in dem die Kulturlandschaft reflektiert wird. © Hendrik Bohle
Château La Dominique. Der Weinkeller ist in dunklen Tönen gehalten.
Château La Dominique Der Weinkeller ist in dunklen Tönen gehalten. © Hendrik Bohle
Château La Dominique. Der Gästeempfang befindet sich im historischen Gebäudeteil. Auch die gläsernen Trauben an der Decke wurden von Jean Nouvel gestaltet.
Château La Dominique Der Gästeempfang befindet sich im historischen Gebäudeteil. Auch die gläsernen Trauben an der Decke wurden von Jean Nouvel gestaltet. © Jan Dimog
Château Château Cheval Blanc. Auch auf dem Nachbargrundstück entstand ein luftiger Weinkeller von einem Pritzker-Preisträger. Bereits 2011 entwarf Christian de Portzamparc eine weiße Betonskulptur mit schwebendem Garten als Erweiterung eines Herrenhauses aus dem 19. Jahrhundert.
Château Château Cheval Blanc Auch auf dem Nachbargrundstück entstand ein luftiger Weinkeller von einem Pritzker-Preisträger. Bereits 2011 entwarf Christian de Portzamparc eine weiße Betonskulptur mit schwebendem Garten als Erweiterung eines Herrenhauses aus dem 19. Jahrhundert. © Jan Dimog

Bordeaux: Aufklärung und Aufbruch

Das Château Les Carmes Haut Brion liegt in der Weinregion Pessac-Léognan westlich des historischen Stadtzentrums von Bordeaux. Viele Jahre war das Gelände isoliert inmitten der Stadt. 2015 wurden Mauern eingerissen und das Areal erhielt einen neuen Zugang auf der Nordseite. Seitdem befindet sich ein kleiner, öffentlicher Verkaufsraum in einem historischen Gebäude. Highlight ist auch hier die Kellerei. Philippe Stark und der Architekt Luc Arsène-Henry schnitten eine riesenhafte Klinge in den fruchtbaren Boden und setzten somit ein markantes Zeichen. 

"As a blade fallen from the sky in a superb copse of tall trees on either side, flanked by vine-covered slopes, the new cellar distributes the four levels of various wine-making and reception areas."

Luc Arsène-Henry, Architekt

Mit mehr als 350 klassifizierten oder als „Historische Monumente“ gelisteten Gebäuden stufte die UNESCO Bordeaux’ inneres Stadtgebiet 2007 als „außergewöhnliches urbanes und architektonisches Ensemble“ ein – ein kulturell gewichtiges Erbe aus der Zeit der Aufklärung. Entlang der Garonne mit seiner berühmten, aufwendig gereinigten Fassade entstanden in den letzten Jahren luftige Promenaden und lebendige Stadtplätze. Besonders hier zeigt sich Bordeaux’ Anspruch auch zukünftig in der großen Liga europäischer Metropolen mitzuspielen. Gigantische Kreuzfahrtschiffe liegen vor Anker. Am Place de la Bourse spiegelt sich der stolze Stein in Michel Corajouds „Miroir dÈau“. An beiden Ufern reihen sich Stadtplätze, Skateparks, Event-Bühnen, Bars und Restaurants. Die Bordelaiser haben die Garonne und ihre Ufer wieder begeistert in Besitz genommen. 

Die Stadt erfindet sich neu. An den beiden Enden des sogenannten Halbmonds entstanden zeichenhafte Neubauten. Im Nordosten rund um die „Bassins à flot“, wo einst U-Boote stationiert waren, Schiffe gebaut und repariert wurden, wachsen zwischen den historischen Häuserzeilen der Hafenarbeiter und ehemaligen Industriehallen neue Wohnbauten und postindustrielle Arbeitsplätze in den Himmel. Glänzender Angelpunkt ist das weltweit erste Weinerlebniszentrum am Zufluss zur Garonne, die Cité du Vin des Pariser Architektenduos Anouk Legendre und Nicolas Desmazières (XTU). „Braucht es neben den ausgezeichneten Weingütern der Region zusätzlich überhaupt eine solche Eventlocation?“ Unbedingt, denn die Idee, die Geschichte des Weins als universales Kulturgut einem breiteren Publikum zu vermitteln, kann nur vom elitären Feuilleton kritisiert werden. Die interaktive Ausstellung mit audiovisuellen Reisen durch Zeit und Raum, bei denen man sowohl Winzer aus Frankreich als auch aus Südtirol, Thailand, Georgien oder Südafrika erleben kann, bildet, verbindet und macht Spaß. Dabei hätte dem Gebäude selbst sicher etwas weniger Bildhaftigkeit gut gestanden: eine Karaffe, in deren Inneren der Wein zum Schwingen gerät. 

Am südlichen Ende der Promenade im neuen Geschäftsviertel Euratlantique eröffnete im September 2019 Bordeaux’ neues Kulturzentrum Maison de l’Économie Créative et de la Culture en Aquitaine (MÉCA). Die dänischen Popstar-Architekten der Bjarke Ingels Group BIG schufen in Zusammenarbeit mit Freaks freearchitects aus Paris und Lafourcade-Rouquette Architectes aus Bordeaux einen expressiven Torbogen, in dem drei regionale Kulturinstitutionen untergebracht sind: die Sammlungen des FRAC mit Fokus auf zeitgenössische Kunst, das ALCA mit den Schwerpunkten Kino, Literatur und audiovisuelle Künste und das sich der Performancekunst widmende OARA. Das Bauwerk formt einen höher gelegenen Stadtplatz, der über breite Treppenanlagen erreichbar ist und jedem offen steht. Dabei steht das MÉCA sinnbildlich für eine ganze Region, die ihr kulturelles Erbe pflegt und zugleich offen ist für einen frischen Blick in die Zukunft. 

Château Les Carmes Haut Brion. Entwurf: Philippe Starck, Luc Arsène-Henry, 2015. Der französische Designer Starck schuf zusammen mit dem Architekten Arsène-Henry einen Weinkeller, der wie eine rohe Metallklinge in den fruchtbaren Boden schneidet. Das zentrale, stromlinienförmige Gebäude ist von außen mit Edelstahlplatten verkleidet.
Château Les Carmes Haut Brion Entwurf: Philippe Starck, Luc Arsène-Henry, 2015. Der französische Designer Starck schuf zusammen mit dem Architekten Arsène-Henry einen Weinkeller, der wie eine rohe Metallklinge in den fruchtbaren Boden schneidet. Das zentrale, stromlinienförmige Gebäude ist von außen mit Edelstahlplatten verkleidet. © Hendrik Bohle
Château Les Carmes Haut Brion. Der neue Weinkeller erstreckt sich über drei Stockwerke, einem unterirdischem für die Lagerung von bis zu 300 Holzfässer ...
Château Les Carmes Haut Brion Der neue Weinkeller erstreckt sich über drei Stockwerke, einem unterirdischem für die Lagerung von bis zu 300 Holzfässer ... © Jan Dimog
Château Les Carmes Haut Brion. ... und zwei oberen Geschossen, für die Fermentierung und exklusive Verkostungen. Das Interior Design kommt vollständig von Philippe Starck. Den Teppich entwarf seine Tochter, die Malerin Ara Starck.
Château Les Carmes Haut Brion ... und zwei oberen Geschossen, für die Fermentierung und exklusive Verkostungen. Das Interior Design kommt vollständig von Philippe Starck. Den Teppich entwarf seine Tochter, die Malerin Ara Starck. © Jan Dimog
La Cité du Vin. Entwurf: Anouk Legendre, Nicolas Desmazières (XTU), 2016. Die Fassade des Museums, Themenparks und Vortragszentrums ist mit 2500 reflektierenden Aluminiumpaneelen verkleidet und bereits von Weitem sichtbar.
La Cité du Vin Entwurf: Anouk Legendre, Nicolas Desmazières (XTU), 2016. Die Fassade des Museums, Themenparks und Vortragszentrums ist mit 2500 reflektierenden Aluminiumpaneelen verkleidet und bereits von Weitem sichtbar. © Hendrik Bohle
La Cité du Vin. Die interaktive Ausstellung mit audiovisuellen Reisen durch Zeit und Raum bildet, verbindet, macht Spaß ...
La Cité du Vin Die interaktive Ausstellung mit audiovisuellen Reisen durch Zeit und Raum bildet, verbindet, macht Spaß ... © Jan Dimog
La Cité du Vin. ... und verführt.
La Cité du Vin ... und verführt. © Hendrik Bohle
Pont Jacques-Chaban-Delmas. In unmittelbarer Nähe schufen Charles und Thomas Lavigne 2013 die technisch aufwendige Pont Jacques-Chaban-Delmas. Sie ist die fünfte Brücke der Stadt, die beide Ufer aneinander knüpft und den riesenhaften Kreuzfahrtschiffen zugleich freie Fahrt ins Stadtzentrum ermöglicht. Ein riesige Liftanlage hebt die Fahrbahn an.
Pont Jacques-Chaban-Delmas In unmittelbarer Nähe schufen Charles und Thomas Lavigne 2013 die technisch aufwendige Pont Jacques-Chaban-Delmas. Sie ist die fünfte Brücke der Stadt, die beide Ufer aneinander knüpft und den riesenhaften Kreuzfahrtschiffen zugleich freie Fahrt ins Stadtzentrum ermöglicht. Ein riesige Liftanlage hebt die Fahrbahn an. © Hendrik Bohle
La Méca („Maison de l'Économie Créative et de la Culture"). Entwurf: BIG, 2019. Der monolithisch wirkende Baukörper mit seinen eingestreuten Fensteröffnungen ist mit vorfabrizierten Betonelementen verkleidet.
La Méca („Maison de l'Économie Créative et de la Culture") Entwurf: BIG, 2019. Der monolithisch wirkende Baukörper mit seinen eingestreuten Fensteröffnungen ist mit vorfabrizierten Betonelementen verkleidet. © Hendrik Bohle
La Méca. Die Architekten ließen sie sandgestrahlen, um eine Oberflächenbeschaffenheit zu erzielen, die mit dem in Bordeaux traditionell verwendeten Sandstein harmonisiert.
La Méca Die Architekten ließen sie sandgestrahlen, um eine Oberflächenbeschaffenheit zu erzielen, die mit dem in Bordeaux traditionell verwendeten Sandstein harmonisiert. © Jan Dimog
La Méca. Der höher gelegene Platz ist allseitig über breite Treppenanlagen erschlossen und schafft Sichtbeziehungen zum Ufer der Garonne.
La Méca Der höher gelegene Platz ist allseitig über breite Treppenanlagen erschlossen und schafft Sichtbeziehungen zum Ufer der Garonne. © Hendrik Bohle
Halle Boca. Die Markthalle mit dem markanten Tonnenschalendach entstand 1938 und wurde 2018 von Agence Nicolas Michelin et Associés aufwendig saniert. Sie zählt heute zusammen mit dem Méca zu den markantesten Bauten im neuen Geschäftsviertel Euratlantique im Stadtteil Saint-Jean Belcier südlich des Bahnhofs Saint-Jean.
Halle Boca Die Markthalle mit dem markanten Tonnenschalendach entstand 1938 und wurde 2018 von Agence Nicolas Michelin et Associés aufwendig saniert. Sie zählt heute zusammen mit dem Méca zu den markantesten Bauten im neuen Geschäftsviertel Euratlantique im Stadtteil Saint-Jean Belcier südlich des Bahnhofs Saint-Jean. © Jan Dimog

Wir danken Nouvelle Aquitaine Tourisme und den Partnern Atout France, Dordogne Périgord, Saint Émilion Tourisme und Bordeaux Tourism & Conventions für die Einladung zur redaktionell unabhängigen Presse- und Recherchereise!

Von Hendrik Bohle Architekt, Autor und Stadtforscher, veröffentlicht am .