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"Die Metropole Ruhr ist eine Stadt, verdammt dazu, ewig zu werden, niemals zu sein."

So hat es der Kunstkritiker Karl Scheffler nie gesagt. Es war Berlin, das er 1910 so beschrieb, seine Hass-Liebe. In abgewandelter Form passt der Ausspruch trotzdem zum Ruhrgebiet, denn das ewig Unfertige gehört ebenso hierher wie zur Hauptstadt. Die Pott-Transformation ist noch lange nicht abgeschlossen, doch viele der alten Produktionsstätten sind glücklicherweise nicht zu antiseptisch-hermetischen Industriedenkmälern erstarrt, sondern wurden in ihren Funktionen umgedeutet, angepasst, umgewandelt. Meilensteine wie die Internationale Bauausstellung Emscher Park (1989–1999), das Kulturhauptstadtjahr RUHR.2010 und die „Regionalen“ haben wichtige Impulse für die Neudefinition der Industriequartiere und der Identität einer ganzen Region gesorgt. 

"Statt Wrackistan nun also Ruhr reloaded"

So formulierten wir es bei unseren Recherchen für #urbanana, wo wir die Reaktionen der Stadtplanung und Architektur auf den tiefgreifenden Wandel erkundeten. Die Revitalisierung industrieller Baukultur mit adäquaten Nutzungskonzepten für den öffentlichen Raum und die Gebäude ist bei den hier aufgeführten Beispielen nicht nur gelungen. Es sind Paradebeispiele für Kunst- und Kulturhäuser, die mit ihrem Erfolg auch zur Identifikation der Menschen mit ihrem Umfeld beitragen. Die backsteinerne Industriearchitektur spielt dabei eine wichtige Basis. Ziegel scheint wie für ein zweites Leben gemacht und wer das erleben möchte, sollte ins Museum Ostwall (MO), MKM, in die Flottmann-Hallen, den Ringlokschuppen Ruhr und ins PACT Zollverein. Allen gemeinsam ist die symmetrisch-sachliche Backsteinhülle, die Wärme und Beständigkeit ausstrahlt. Das Innenleben jedoch offenbart den neuen Geist, die heutige Zeit, die andere Nutzung. Mal behutsam wie in der alten Waschkaue auf dem Areal des UNESCO-Weltkulturerbe Zeche Zollverein, wo der Frankfurter Architekt Christoph Mäckler auf die kreative Stärke der neuen Nutzer des PACT Zollverein setzte, die die Räume ihren Bedürfnissen entsprechend neu bespielen konnten. Oder auch in den Flottmann-Hallen in Herne, wo viel von der ursprünglichen und vom Jugendstil beeinflussten Reformarchitektur erhalten blieb. Über 30 Jahre nach der Sanierung der einstigen Bohrhämmer-Anlage sind die Hallen ein überregional anerkanntes Kulturhaus. Eine ähnliche Verbindung aus heutiger (Theater)Kunst und historischer Industrieästhetik herrscht auch im Ringlokschuppen in Mülheim an der Ruhr. Hier wirkt die halbkreisförmige Anordnung wie ein Symbol für das breit aufgefächerte Kulturkonzept. Wo früher zwei Dutzend Lokomotiven standen, verbindet die ambitionierte Theaterinstitution drei Bühnen unterschiedlicher Größen miteinander.

Ornamentfrei, klar, sachlich

Die ornamentfreie Fassade des MKM und des Dortmunder U mit dem MO ist die einzige Gemeinsamkeit mit den anderen Beispielen. Die bei der Sanierung entkernten Gebäude haben ein Innenleben, das ganz auf die heutigen Anforderungen eines Museumsbetriebs (MKM in Duisburg) und eines Kreativhubs (Dortmunder U) angepasst ist. In Duisburg installierten die Baseler Architekten Herzog & de Meuron großzügige White Cubes und eines unserer Lieblingstreppenhäuser mit skulpturenhaften Windungen. Nie fühlte sich Beton so warm und erdig an wie hier. Im Dortmunder U dagegen durchschneidet die von Gerber Architekten konzipierte „Kunst-Vertikale“ die ehemalige Brauerei, die bei ihrer Fertigstellung 1927 (Architekt: Emil Moog) einst das erste Hochhaus der Stadt war. Hier führen lange Rolltreppen vom Erdgeschoss bis in die oberen Etagen des MO hinauf – eine kathedralenhafte Reise durch einen Riesenraum. Womit wir wieder bei dem ewig Unfertigen sind. Denn die Reise für die Metropole Ruhr und die Zeugen der Industriearchitektur ist noch lange nicht abgeschlossen. Die bisherigen Zwischenstationen in Dortmund, Essen, Herne, Mülheim und Duisburg zeigen, dass es mit „Schmackes“ weitergeht.

PACT Zollverein. Umbau der alten Waschkaue: Christoph Mäckler. Fertiggestellung: 2000.
PACT Zollverein Umbau der alten Waschkaue: Christoph Mäckler. Fertiggestellung: 2000. © Jan Dimog
PACT Zollverein. Das Ziel war die Sanierung mit minimalen Eingriffen, um die originale Substanz zu erhalten.
PACT Zollverein Das Ziel war die Sanierung mit minimalen Eingriffen, um die originale Substanz zu erhalten. © Jan Dimog
Flottmann Hallen. Entwurf: Georg Schmidtmann und Julius Kemp. Fertigstellung: 1908
Flottmann Hallen Entwurf: Georg Schmidtmann und Julius Kemp. Fertigstellung: 1908 © Jan Dimog
Ringlokschuppen Ruhr. Die Bahnbetriebsstelle Speldorf bestand aus etwa fünf Gebäuden. Die Drehscheibe wurde bereits 1943 zerstört und war seitdem nicht mehr als solche in Betrieb.
Ringlokschuppen Ruhr Die Bahnbetriebsstelle Speldorf bestand aus etwa fünf Gebäuden. Die Drehscheibe wurde bereits 1943 zerstört und war seitdem nicht mehr als solche in Betrieb. © Hendrik Bohle
Ringlokschuppen Ruhr. Das Gebäude wurde 1992 im Rahmen der Landesgartenschau NRW (MüGa) zur Kultur- und Begegnungsstätte umgebaut.
Ringlokschuppen Ruhr Das Gebäude wurde 1992 im Rahmen der Landesgartenschau NRW (MüGa) zur Kultur- und Begegnungsstätte umgebaut. © Hendrik Bohle
MKM Museum Küppersmühle für Moderne Kunst. Umbau durch Herzog & de Meuron. Fertigstellung: 1999.
MKM Museum Küppersmühle für Moderne Kunst Umbau durch Herzog & de Meuron. Fertigstellung: 1999. © Jan Dimog
MKM Museum Küppersmühle für Moderne Kunst. Der Treppenturm ist der einzige neue Anbau.
MKM Museum Küppersmühle für Moderne Kunst Der Treppenturm ist der einzige neue Anbau. © Jan Dimog
Dortmunder U. Museum Ostwall in der Ebene 4 und 5 des Dortmunder U.
Dortmunder U Museum Ostwall in der Ebene 4 und 5 des Dortmunder U. © Jan Dimog
Dortmunder U. Entwurf Brauerei von Emil Moog, 1927 fertiggestellt. Umbau durch Gerber Architekten. Fertigstellung 2010.
Dortmunder U Entwurf Brauerei von Emil Moog, 1927 fertiggestellt. Umbau durch Gerber Architekten. Fertigstellung 2010. © Jan Dimog

Change and works

Via the successful conversion of former industrial and production buildings into houses of art and culture.

“The Ruhr metropolitan area is a city damned always to become, never to be.” The art critic Karl Scheffler said that—but not about the Ruhr. It was Berlin that he described in 1910 as the object of his love-hate relationship. In a changed form, though, the same could be said about the Ruhr area, because the forever-unfinished belongs here as well as in the capital. The transformation of the area is far from over, but luckily many of the old production sites have not been petrified as antiseptic, hermetic monuments to industry, but rather have been functionally reinterpreted, customised, and transformed. Milestones like the International Architecture Exhibition Emscher Park (1989–1999), Ruhr.2010 (Essen’s year as the European Capital of Culture), and the “Regionals” have provided important impulses for new definitions of the industrial quarters and the identity of an entire region. 

“Instead of Wrackistan, then, Ruhr reloaded”

That is how we put it in our research for #urbanana, where we explored the urban-planning and architectural reactions to this profound change. The revitalisation of industrial building culture with appropriate use-concepts for the public space and buildings has succeeded, and not only with the examples brought forth here. They are simply prime examples for art and cultural institutions that contribute to people’s identification with their surroundings by means of their success. The brick, industrial architecture plays an important role in this. Brick seems to have made a second life for itself; whoever wishes to experience that second life should head to the Ostwall Museum, MKM, the Flottmann Hallen, the Ringlokschuppen Ruhr, and the PACT Zollverein. Common to all is a symmetrical, factual brick exterior that radiates warmth and stability. The inner life, however, reveals a new spirit, today’s time, another use. Sometimes cautiously, as in the old washrooms on the site of the UNESCO world heritage site of the Zeche Zollverein, where the Frankfurt architect Christoph Mäckler relied on the creative strength of new users of the PACT Zollverein to use the rooms in new ways according to their own needs. Or in the Flottmann Hallen in Herne, where many of the original examples of reform architecture, influenced by art nouveau, have survived. Over 30 years after the renovation of the former jackhammer plant, the hall has become a nationally renowned cultural centre. A similar connection between contemporary (theatre) art and historical, industrial aesthetic also reigns in the Ringlokschuppen Ruhr (Ruhr Roundhouse) in Mülheim an der Ruhr. Here, the half-circular arrangement acts as a symbol for the widely fanned-out cultural concept. Where two dozen locomotives stood before, the theatre institution now links three stages of varying size with one another.

Bare, clear, factual

An ornament-free façade is the only thing that the MKM (Museum Küppersmühle für Moderne Kunst) and Dortmund U-Tower with the Ostwall Museum, have in common. Gutted by renovations, the buildings have an inner life that is well-suited to the contemporary requirements of museum management (the MKM in Duisburg) and of a creative hub (Dortmund U-Tower). In Duisburg, the Basel-based architects Herzog & de Meuron installed large-format white cubes and one of our favourite staircases, with its sculptural convolutions. Never has concrete felt so warm and earthy as here. In Dortmund University, on the other hand, the “Art Vertical,” designed by Gerber Architekten, cuts through the former brewery that was the first tower in the city when it was completed in 1927 (architect: Emil Moog). Here, long escalators lead from the ground floor to the upper levels of the Ostwall Museum—a cathedral-like journey through a giant space. And with that, we are once more back at the forever unfinished. For the journey through the Ruhr metropolitan region and the witnesses of industrial architecture is nowhere near finished. The previous stops in Dortmund, Essen, Herne, Mülheim, and Duisburg show that it will continue with gusto.

Von Jan Dimog Publizist und Gründer, veröffentlicht am .