Scroll down for the English version

Schauspielhaus Bochum, Musiktheater im Revier, Theater Dortmund und das Aalto-Theater

In den 1960er-Jahren brummte die Wirtschaft der Bundesrepublik Deutschland (BRD) mit NRW als einem der ökonomischen Zentren. Viele Kommunen veredelten ihre Mitte mit außergewöhnlichen Kulturbauten. Im bevölkerungsreichsten Bundesland steht bis heute eine große Dichte an Museen und Theatern der Nachkriegsmoderne, viele im Ruhrgebiet.

Als eines der ersten eröffnete 1953 das Schauspielhaus Bochum von Gerhard Graubner. Der ehemalige Schüler und Mitarbeiter von Paul Bonatz realisierte nach seiner Zeit als „Gaukulturrat“ eine Reihe von Theaterbauten in der BRD. Das Bochumer Haus überzeugt durch sachliche Eleganz. Sehr viel leichter und ebenso umwerfend ist das Musiktheater im Revier MiR in Gelsenkirchen. Es entstand 1959 nach Plänen von Werner Ruhnau. Eine so “internationale” Erscheinung hatte noch kein deutsches Theater zuvor. Feine Linien und starke Geometrien aus Stahl, Glas und Beton bestimmen den Bau und lassen Bühne und Zuschauerraum ineinanderfließen. Künstler spielten eine entscheidende Rolle bei der Gestaltung des Hauses. 

Wegen wirtschaftlicher Schwierigkeiten verzögerte sich die Realisierung anderer ambitionierter Projekte. So konnte der visionäre Schalenbau der Dortmunder Oper erst 1966 eröffnen. Für den großen Knall sorgte er nicht mehr. Mittlerweile waren das Berliner Haus der Kulturen der Welt von Hugh Stubbins (1957) und die Frankfurter Jahrhunderthalle von Friedrich Wilhelm Kraemer und Ernst Sieverts (1963) Ikonen der deutschen Architekturmoderne. Eine baukonstruktive Meisterleistung bleibt die Oper trotzdem. Ähnlich erging es dem Aalto-Theater in Essen. Der Finne Alvar Aalto legte bereits 1959 die ersten Entwürfe vor. Die Eröffnung erlebte er nicht mehr. Sie fand erst knapp 30 Jahre später statt. Das sich die Ausdauer gelohnt hat, merkt man beim Besuch des strahlend hellen Hauses. Auf die asymmetrisch, überwältigend hohe Lobby folgt der Saal mit ganz viel Blau.

Museum Folkwang, Lehmbruck Museum, Kunsthalle Bielefeld, Rathaus-Forum

Auch die Museumsarchitektur in NRW war wegweisend, da sie übliche Typologien und Konzepte grundlegend umkrempelte. Das Essener Museum Folkwang ist heute legendär. Horst Loy entwickelte mit W. Kreutzberger und E. Hösterey (1956–1960) einen Museumsbau, der sich im Sinne Karl Ernst Osthaus zur Stadt hin öffnet. Kein hermetisch einschüchternder Tempelbau, sondern bescheiden und flach, licht und transparent. Das wird deutlich an der lang gestreckten Vitrine entlang der Kahrstraße. Bei Dunkelheit zieht die Ausstellung die Passanten gewissermaßen ins Gebäude. Auch David Chipperfields Erweiterungen von 2010 blieben diesem Grundgedanken treu. Im benachbarten Duisburg entstand mit dem Lehmbruck Museum etwa zeitgleich ein ebenso bahnbrechender Bau. Das Skulpturen-Museum mit Park und Skulpturengarten wurde von Prof. Manfred Lehmbruck, dem Sohn des Bildhauers Wilhelm Lehmbruck, entworfen. Für die Sammlung schuf er einen im Erdreich eingebetteten Stahlbetonbau mit quadratischem Atrium und unterschiedlichen Galerieebenen. Daran angeschlossen konzipierte Lehmbruck ein weiteres Gebäude als Antipode. Die Rundum-Verglasung sorgt in der großen Halle für ein Höchstmaß an natürlichem Licht. Sensationell war die Hallenkonzeption mit dem flexiblen Stellwandsystem für Wechselausstellungen.

In Ostwestfalen wirkte Philip Johnson. Die Kunsthalle Bielefeld (nicht Teil der RuhrKunstMuseen) ist der einzige Museumsbau des Pritzker-Preisträgers in Europa und hatte 2018 ihre 50jähriges Jubiläum. Ihre museumspädagogische Abteilung war damals ein Ereignis, das es so in ganz Europa nicht gegeben hatte. In Castrop-Rauxel entstand in den 1960er-Jahren mit dem Rathaus-Forum ein neues Stadtzentrum, das in der öffentlichen Wahrnehmung leider nicht immer entsprechend geschätzt wird. Der dänische Ausnahmearchitekt Arne Jacobsen schuf mit seinem Partner Otto Weitling eine zeitlose Vision eines offenen Bürger*innen-Forums, in dem Stadt und Natur miteinander verschmelzen.

Beispielhafte Bauten der Nachkriegsmoderne in NRW

Schauspielhaus Bochum. Entwurf: Gerhard Graubner. Fertigstellung: 1953.
Schauspielhaus Bochum Entwurf: Gerhard Graubner. Fertigstellung: 1953. © Jan Dimog
Musiktheater im Revier (MiR). Entwurf: Werner Ruhnau, Max von Hausen und Ortwin Rave. Fertigstellung: 1959.
Musiktheater im Revier (MiR) Entwurf: Werner Ruhnau, Max von Hausen und Ortwin Rave. Fertigstellung: 1959. © Jan Dimog
Theater Dortmund. Theater und Opernhaus: Josef Clemens, Edgar Frasch, Heinrich Rosskotten und Edgar Tritthart. Fertigstellung: 1966.
Theater Dortmund Theater und Opernhaus: Josef Clemens, Edgar Frasch, Heinrich Rosskotten und Edgar Tritthart. Fertigstellung: 1966. © Jan Dimog
Aalto Musiktheater. Entwurf: Alvar Aalto mit Harald Deilmann (Umsetzung). Fertigstellung: 1988.
Aalto Musiktheater Entwurf: Alvar Aalto mit Harald Deilmann (Umsetzung). Fertigstellung: 1988. © Jan Dimog
Aalto Musiktheater. Die Umsetzung von Aaltos Wettbewerbsentwurf dauerte 30 Jahre.
Aalto Musiktheater Die Umsetzung von Aaltos Wettbewerbsentwurf dauerte 30 Jahre. © Hendrik Bohle
Museum Folkwang. Ursprünglicher Bau: Horst Loy mit W. Kreutzberger und E. Hösterey. Fertigstellung. 1960.
Museum Folkwang Ursprünglicher Bau: Horst Loy mit W. Kreutzberger und E. Hösterey. Fertigstellung. 1960. © Hendrik Bohle
Museum Folkwang. 1. Erweiterung: Kiemle, Kreidt und Partner, Allerkamp, Niehaus, Skonia (1983) 2. Erweiterung: David Chipperfield Architects (2010).
Museum Folkwang 1. Erweiterung: Kiemle, Kreidt und Partner, Allerkamp, Niehaus, Skonia (1983) 2. Erweiterung: David Chipperfield Architects (2010). © Hendrik Bohle
Museum Folkwang. Die hell erleuchtete Museumsvitrine abends an der Kahrstraße.
Museum Folkwang Die hell erleuchtete Museumsvitrine abends an der Kahrstraße. © Jan Dimog
Lehmbruck Museum. Entwurf: Manfred Lehmbruck, 1964 und 1987 (Erweiterungsbau).
Lehmbruck Museum Entwurf: Manfred Lehmbruck, 1964 und 1987 (Erweiterungsbau). © Jan Dimog
Kunsthalle Bielefeld. Entwurf: Philip Johnson. Fertigstellung: 1968.
Kunsthalle Bielefeld Entwurf: Philip Johnson. Fertigstellung: 1968. © Hendrik Bohle
Forum Castrop-Rauxel. Entwurf: Arne Jacobsen und Otto Weitling. Fertigstellung: 1976.
Forum Castrop-Rauxel Entwurf: Arne Jacobsen und Otto Weitling. Fertigstellung: 1976. © Hendrik Bohle

NRW Modernism

After World War II, outstanding cultural buildings arose in the newly founded state of North Rhine-Westphalia (NRW). These postwar modernities still stand for a new self-confidence and understanding of democracy in the republic.

In the 1960s, the economy of the Federal Republic of Germany (BRD) was buzzing, with North Rhine-Westphalia (NRW) as its economic centre. Many communities improved their cores with extraordinary cultural buildings. In the most populous federal state, there is still today a great density of museums and theatres built in the postwar modern period, many of which are in the Ruhr area. 

One of the first, the Schauspielhaus Bochum by Gerhard Graubner, opened in 1953. The former student and colleague of Paul Bonatz realised a series of theatre buildings in West Germany after his time as head of the regional council for culture. The playhouse in Bochum is compelling by virtue of its objective elegance. Much lighter and equally fantastic is the Musiktheater im Revier (MiR) in Gelsenkirchen. It was built in 1959 according to plans by Werner Ruhnau. No German theatre had ever had such an “international” appearance before. Fine lines and stark geometry of steel, glass, and concrete characterise the building and let stage and audience space flow into one another. Artists played a decisive role in the design of the theatre. Because of economic difficulties, the realisation of other, more ambitious projects was delayed. Thus, the visionary shell of the Dortmund Opera only opened in 1966, and it did not care about making a big splash. In the meantime, the Haus der Kulturen der Welt (House of World Cultures) in Berlin, designed by Hugh Stubbins and opened in 1957, and the Jahrhunderthalle (Centennial Hall) in Frankfurt, by Friedrich Wilhelm Kraemer and Ernst Sieverts (1963) were icons of German architectural modernism. Still, the opera remains a masterpiece of construction. Something similar occurred with the Aalto Theater in Essen. The Finnish architect Alvar Aalto had already submitted the first designs in 1959, but he did not live to see the opening, which occurred nearly 30 years later. By visiting the shining, bright house, one can see that the delay was worth it. The very blue hall follows from an asymmetrical, overwhelmingly high lobby. 

Ennobled by culture with architecture by Philip Johnson, Werner Ruhnau and David Chipperfield

The museum architecture in NRW was also pioneering in that it turned the usual typologies and concepts fundamentally inside out. Today, the Museum Folkwang in Essen is legendary. With W. Kreutzberger and E. Hösterey (1956–1960), Horst Loy developed a museum building that would open onto the city, in the sense meant by Karl Ernst Osthaus. No hermetic, intimidating temple building is this, but rather a building that is modest and low, light and transparent. This becomes clear with the long display case along Kahrstraße. In darkness, the exhibition pulls passersby into the building, so to speak. David Chipperfield’s 2010 extension stays true to this basic idea. In neighbouring Duisburg, the Lehmbruck Museum arose around the same time as an equally pathbreaking building. The sculpture museum, with a park and a sculpture garden, was designed by Prof. Manfred Lehmbruck, the son of the sculptor Wilhelm Lehmbruck. For the collection, he created a reinforced concrete building embedded in the earth, with a square atrium and different gallery levels. Lehmbruck then designed another building as an antipode connected to this. The all-around glass ensures the maximum amount of natural light in the large hall. The conception of the hall was sensational, with its flexible partition system for changing exhibitions. 

Philip Johnson worked in eastern Westphalia. The Kunsthalle Bielefeld (Bielefeld Art Museum) is the only Pritzker Prize-winning museum building in Europe and celebrated its fiftieth anniversary in 2018. Its department of museum pedagogy was at the time something never before seen, in all of Europe. In Castrop-Rauxel, a new city centre was built in the 1960s with the construction of the Town Hall Forum, which unfortunately is not always appreciated in public opinion. The outstanding Danish architect Arne Jacobsen, together with his partner Otto Weitling, created a timeless vision of an open citizens’ forum, in which the city and nature fuse into one another.

Von Hendrik Bohle Architekt, Autor und Stadtforscher, veröffentlicht am .