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Der Zusammenschluss von elf Theatern zum Netzwerk der RuhrBühnen und 20 Ausstellungshäusern zu den RuhrKunstMuseen hat Fakten, die zeigen in welchem Kulturraum man sich zwischen Rhein, Ruhr und Lippe bewegt: dicht, divers und immens. Eine Kulturlandschaft, die im Wettbewerb mit den einflussreichen Städten Europas bestehen kann, architektonisch allemal. Die Häuser, in denen getanzt, gesungen und Kunst ausgestellt wird, sind beeindruckende Bauten des Funktionalismus, der Nachkriegsmoderne und der Ära der Montanindustrie, heute vielfach revitalisiert und umfunktioniert.

Meiste Sparten, erster Bunkerumbau, tiefste Ausstellung

Auf unserer Architektur-Reise zu den 31 Bühnen und Museen in 16 Städten ist die gelungene Umnutzung von Bestandsbauten und ihre Erweiterung vor allem im Osten und mitten im Ruhrgebiet augenfällig: im Gustav-Lübcke-Museum, im Zentrum für Internationale Lichtkunst Unna und in der Kunsthalle Recklinghausen. Letztere war ein Vorreiter der Umnutzung der Bunkerbauten des Zweiten Weltkriegs. Aus dem Hochbunker am Hauptbahnhof wurde ein großflächig umgebautes Ausstellungshaus und der Stahlbetonbunker „in einen Musentempel verwandelt“, so Ferdinand Ullrich, ehemaliger Museumsdirektor der Kunsthalle. 

Offenheit passt auch zum Gustav-Lübcke-Museum in Hamm zwischen Ruhrgebiet und Westfalen. Bauliche Merkmale sind die wellenförmige Fassade, das lichtdurchflutete Foyer und die lange Rampe, die Besucher in die verschiedenen Bereiche des Mehrspartenmuseums (Alt-Ägypten, griechisch-römische Antike, Archäologie der Region, Stadtgeschichte und Kunst sowie Kunstgewerbe) leitet, ähnlich wie im Kunstmuseum Bochum, das die dänischen Architekten Jørgen Bo und Vilhelm Wohlert Jahre zuvor entworfen hatten. Zugleich integrierten sie das Haus Hohe Straße 1 als Verwaltungstrakt in den neuen Komplex, der die Heterogenität seiner Baukörper gut miteinander vereint. 

Während sich der Kunstbunker und das funktionale Bo-Wohlert-Gebäude selbstbewusst im Stadtbild zeigen, ist das Zentrum für Internationale Lichtkunst Unna im Stadtbild nicht einsehbar. Bis auf das zweigeschossige Sichtbeton-Kunstwerk „Skyspace Third Breath by James Turrell“ (mit weicken Architekten, 2009) auf dem Platz der Kulturen kann man das Zentrum nur erleben, wenn man hinabsteigt. Tief unter der Erde zeigt das weltweit erste und einzige Museum für Lichtkunst wie wirksam nicht nur die Präsentation eben dieser Lichtkunst sein kann, sondern auch wie effektvoll die bis zu sieben Meter tiefen Gänge, Gärbecken und Kühlräume genutzt werden können. Der denkmalgeschützte, ehemalige Komplex der Lindenbrauerei ist Teil der Route der Industriekultur.

Größtes Theater, kleinste Bühne und Zuschauerrekorde

Das Schlosstheater Moers ist eines der kleinsten Stadttheater in NRW und beweist, dass Größe wenig mit Bedeutung zu tun hat. Das Theater ist für seine Experimentierfreudigkeit bekannt und wurde mehrfach prämiert. Gleichzeitig belebt es nicht nur das Jahrhunderte alte Backsteingemäuer des Schloss Moers, sondern auch andere Orte der Stadt, an denen das Ensemble spielt. Das architektonische Gegenteil ist die Deutsche Oper am Rhein, die das Opernhaus Düsseldorf und Theater Duisburg seit 1956 bespielt. Beide Häuser haben das größte Ensemble einer Oper in Deutschland und zwei Sinfonieorchester. Das Reizvolle des Theater Duisburg: die Erhabenheit der Tempelarchitektur außen und die Mid Century-Eleganz im Innenraum. 

Unser letztes Superlativbeispiel ist eines der größten Theater Deutschlands mit knapp 250.000 Zuschauer, über 750 Vorstellungen, rund 70 Produktionen pro Spielzeit – und dreimal in Folge wurde das Theater Dortmund als bestes Theater Nordrhein-Westfalens ausgezeichnet. Architektonisch wirkt der Komplex nicht wie eine Theatermaschine, eher wie ein Arrangement der Baukörper: die schwungvolle Betonschale, der kantige Querriegel mit reliefierten Betonelementen und das Zusammenwirken der Höhen und Tiefen, der geometrischen und halborganischen Formen – reiche Ruhrkultur trifft dichte Baukunst.

Zentrum für Internationale Lichtkunst. Das Gebäude der Lindenbrauerei wurde 1859 fertiggestellt. Der Umbau erfolgte 1991 zum Zentrum für Information und Bildung. Die Ausstellungsräume für die internationale Lichtkunst gibt es seit 2001. Die Lindenbrauerei ist Teil der Route der Industriekultur.
Zentrum für Internationale Lichtkunst Das Gebäude der Lindenbrauerei wurde 1859 fertiggestellt. Der Umbau erfolgte 1991 zum Zentrum für Information und Bildung. Die Ausstellungsräume für die internationale Lichtkunst gibt es seit 2001. Die Lindenbrauerei ist Teil der Route der Industriekultur. © Hendrik Bohle
Zentrum für Internationale Lichtkunst. Lotusschatten von Rebecca Horn
Zentrum für Internationale Lichtkunst Lotusschatten von Rebecca Horn © Jan Dimog
Zentrum für Internationale Lichtkunst. Tunnel of Tears von Keith Sonnier
Zentrum für Internationale Lichtkunst Tunnel of Tears von Keith Sonnier © Jan Dimog
Kunsthalle Recklinghausen. An der Fassade war bis zum Frühjahr 2019 die Lichtinstallation "talk to me" des Kölner Künstlers Jan Hoeft zu sehen.
Kunsthalle Recklinghausen An der Fassade war bis zum Frühjahr 2019 die Lichtinstallation "talk to me" des Kölner Künstlers Jan Hoeft zu sehen. © Jan Dimog
Gustav-Lübcke-Museum. Entwurf: Jørgen Bo und Vilhelm Wohlert. Fertigstellung: 1993.
Gustav-Lübcke-Museum Entwurf: Jørgen Bo und Vilhelm Wohlert. Fertigstellung: 1993. © Hendrik Bohle
Gustav-Lübcke-Museum. Die Rampe ist ein wichtiges Merkmal, ähnlich wie im Kunstmuseum Bochum, das die dänischen Architekten Anfang der 1980er-Jahre planten.
Gustav-Lübcke-Museum Die Rampe ist ein wichtiges Merkmal, ähnlich wie im Kunstmuseum Bochum, das die dänischen Architekten Anfang der 1980er-Jahre planten. © Jan Dimog
Schlosstheater Moers. Das Schlosstheater ist eines der kleinsten Stadttheater Deutschlands und hat sich mit modern-ungewöhnlichen Inszenierungen überregional ein gutes Renommee erspielt und erarbeitet.
Schlosstheater Moers Das Schlosstheater ist eines der kleinsten Stadttheater Deutschlands und hat sich mit modern-ungewöhnlichen Inszenierungen überregional ein gutes Renommee erspielt und erarbeitet. © Hendrik Bohle
Schlosstheater Moers. Das Schlosstheater inszeniert an inzwischen sieben Spielorten, hier das Studio in unmittelbarer Nähe zum Schloss.
Schlosstheater Moers Das Schlosstheater inszeniert an inzwischen sieben Spielorten, hier das Studio in unmittelbarer Nähe zum Schloss. © Jan Dimog
Theater Duisburg. Martin Dülfer, 1912. Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg: Siegfried von Tiling, Friedrich Leykauf, Hermann Adolphi.
Theater Duisburg Martin Dülfer, 1912. Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg: Siegfried von Tiling, Friedrich Leykauf, Hermann Adolphi. © Hendrik Bohle
Theater Duisburg. Beim Wiederaufbau war der Düsseldorfer Architekt Emil Fahrenkamp künstlerischer Berater. Sein bekanntester Bau ist das 1932 fertiggestellte Shell-Haus in Berlin.
Theater Duisburg Beim Wiederaufbau war der Düsseldorfer Architekt Emil Fahrenkamp künstlerischer Berater. Sein bekanntester Bau ist das 1932 fertiggestellte Shell-Haus in Berlin. © Hendrik Bohle

Records on the Ruhr

The superlatives of the theatres and art museums of the Ruhr, with the most divisions, the first bunker renovation, the largest musical theatre. 

The merger of eleven theatres into the network of the RuhrBühnen (Ruhr Stages) and 20 exhibition halls into the RuhrKunstMuseen (Ruhr Art Museums) shows the kind of dense, diverse, and immense cultural space in which one moves, in the area between the Rhine, the Ruhr and the Lippe rivers. A cultural landscape that can compete architecturally with the influential cities of Europe, every time. The buildings in which dancing, singing, and art exhibitions take place are impressive structures of functionalism, postwar modernism, and the era of mining industry, frequently revitalised and converted today. 

The most divisions, the first bunker renovation, the deepest exhibition

On our architectural tour to these 31 stages and museums in 16 cities, the successful conversion or expansion of existing buildings is conspicuous, especially in the east and in the middle of the Ruhr area: in the Gustav Lübcke Museum, the Centre for International Light Art in Unna, and the Kunsthalle Recklinghausen. This last museum was a pioneer for the conversion of bunker buildings in World War II. The high bunker in the main train station became an extensive, converted exhibition building; as Ferdinand Ullrich, the former museum director of the Kunsthalle put it, the reinforced concrete bunker was “transformed into a temple to the Muses.” 

Openness also suits the Gustav Lübcke Museum in Hamm, between the Ruhr area and Westphalia. Structural features include the wavy façade, the light-flooded foyer, and the long ramps that lead the visitors into the different areas of the multi-part museum (ancient Egypt, Greco-Roman antiquity, archaeology of the region, city history and art, as well as arts and crafts), similar to the art museum in Bochum designed by the Danish architects Jørgen Bo and Vilhelm Wohlert years before. At the same time, they integrated the building at Hohe Straße 1 as an administrative part of the new complex, which does a good job of connecting the heterogeneity of its buildings together. While the art bunker and the functionalist Bo-Wohlert building seem self-conscious, the Centre for International Light Art at Unna is invisible in the cityscape. Aside from the two-storey, exposed-concrete artwork “Skyspace Third Breath by James Turrell” (with weicken Archtekten, 2009), on the Platz der Kulturen, one can only experience the rest of the centre when one descends. Deep under the earth, the Museum for Light Art (the first in the world, and still the only one) shows not just how potent the presentation of these light artworks can be, but also how effectively the former beer brewery’s corridors, fermentation basins, and cooling rooms – up to seven metres deep – can be used. The former brewery is part of the Industrial Heritage Trail.

Largest theatre, smallest stage, and record audiences

The Schlosstheater Moers is one of the smallest municipal theatres and, as such, demonstrates that size has little to do with significance. Th theatre is known for its love of experimentation and has been awarded many prizes. A the same time, it livens up not only the hundred-year-old brick walls of Schloss Moers, but also other places in the city where its ensemble performs. Its architectural opposite is the Deutsche Oper am Rhein (German Theatre on the Rhine) that has performed in the Opernhaus Düsseldorf (Düsseldorf Opera House) and Theater Duisburg since 1956. Both buildings have the largest opera ensemble in Germany and two symphony orchestras. What is attractive about the Theater Duisburg is the combination of the sublimity of the temple architecture on the outside, and the mid-century elegance on the interior. 

Our last superlative example is one of the largest theatres in Germany, with almost 250,000 audience members, over 750 performances, and around 70 productions per season—moreover, the Theater Dortmund has been recognised as the best theatre in North Rhine-Westphalia three times in a row. Architecturally, the complex does not look like a theatre machine, but rather like an arrangement of buildings: the sweeping concrete shell, the angular crossbar with concrete elements in relief and the interaction of highs and lows, the geometrical and half-organic forms—rich Ruhr culture meets dense architecture. 

Von Jan Dimog Publizist und Gründer, veröffentlicht am .