Seebad Burgtiefe, Fehmarn. Entwurf: Arne Jacobsen, Otto Weitling. Fertigstellung: 1972.
Seebad Burgtiefe, Fehmarn Entwurf: Arne Jacobsen, Otto Weitling. Fertigstellung: 1972. © Jan Dimog, thelink.berlin

Die Idee zur Ausstellung „Gesamtkunstwerke – Architektur von Arne Jacobsen und Otto Weitling in Deutschland“ entstand am Meer. Wir waren in der Ferienanlage Burgtiefe auf Fehmarn und blickten auf vergessene Weltarchitektur: Auf der Ostseeinsel schufen die dänischen Baumeister Arne Jacobsen und Otto Weitling zwischen 1968 und 1973 ein modernes, weitläufiges Seebad. Seitdem haben hier, wie auch an ihrem Rathaus Mainz, die Kräfte der Zeit und Vernachlässigung gearbeitet. So erging es nicht all ihren Bauwerken. In Hamburg stehen das HEW-Verwaltungsgebäude und das Christianeum gut da. Das Glasfoyer in den Herrenhäuser Gärten in Hannover ist nach der musterhaften Sanierung ein gelungenes Beispiel für die Wiederbelebung der deutsch-dänischen Nachkriegsmoderne. 

Die Formgeber des Funktionalismus

Die Formgeber des nordischen Funktionalismus sind also nicht durchgehend in Vergessenheit geraten. Trotzdem werden Sie in ihrer herausragenden Bedeutung für die späte Moderne in Deutschland wenig oder kaum gewürdigt. Diese Lücke in der Wahrnehmung möchten wir, die Kuratoren, mit der Wanderausstellung und der dazugehörigen Publikation schließen. Mit acht Projekten in Deutschland haben die beiden Baumeister hier die meisten Bauten außerhalb ihrer Heimat realisiert. Erstmals werden sieben Gebäude in einer Ausstellung präsentiert. Sie findet im Rahmen des deutsch-dänischen Freundschaftsjahres 2020 und anlässlich Jacobsens fünfzigsten Todestages 2021 statt. 

Deutsch-dänische Verbundenheit

Der Funktionalismus von Jacobsen und Weitling ist ein Spiegel der Visionen und Wünsche der alten BRD. Es ging bei den Entwürfen und Aufträgen um Kulturforen, Rathäuser und neue Schulbauformen, um Demokratie und Prestige. Ausstellung und Publikation werfen ein Schlaglicht auf die Formgeber und die baukulturelle Verbundenheit zwischen Dänemark und Deutschland. Sie sind zugleich eine Bestandsaufnahme der heutigen Situation und des Umgangs mit dem Erbe der Spätmoderne. Der Wert ihrer Architektur mit den ganzheitlichen, präzise artikulierten Antworten auf damalige Fragen wird zunehmend (wieder)erkannt. Doch der Verweis auf den Denkmalschutz genügt nicht. Es braucht Bereitschaft und Beständigkeit, um die Bauwerke gestärkt ins 21. Jahrhundert zu bringen. Viele haben uns ermutigt und darin unterstützt, diesen kaum bekannten Teil der deutsch-dänischen Architektur- und Kulturgeschichte zu zeigen. Für uns war es eine Reise zur mal strengen, mal lichten Baukunst des Nordens wie sie Jacobsen und Weitling interpretierten. Eine Unternehmung in die Ära des alten Westdeutschland. Eine Reise ans Meer, in Modellstädte der Moderne und zu einer Vielschichtigkeit, die eine Auseinandersetzung im Sinne von Otto Weitling provoziert:

"Ein Für und Wider wäre schon ein positives Zeichen, denn ein Haus, über das man nicht redet, ist meist nicht der Rede wert."

"Gesamtkunstwerke –  Architektur von Arne Jacobsen und Otto Weitling in Deutschland". Erschienen bei arnoldsche, herausgegeben von Jan Dimog und Hendrik Bohle
"Gesamtkunstwerke –  Architektur von Arne Jacobsen und Otto Weitling in Deutschland" Erschienen bei arnoldsche, herausgegeben von Jan Dimog und Hendrik Bohle
Atriumhäuser, Berlin. Entwurf: Arne Jacobsen. Fertigstellung: 1957.
Atriumhäuser, Berlin Entwurf: Arne Jacobsen. Fertigstellung: 1957.
Glasfoyer, Herrenhäuser Gärten, Hannover. Entwurf: Arne Jacobsen und Otto Weitling. Fertigstellung: 1966.
Glasfoyer, Herrenhäuser Gärten, Hannover Entwurf: Arne Jacobsen und Otto Weitling. Fertigstellung: 1966. © Hendrik Bohle, thelink.berlin
HEW-Zentrale, Hamburg. Entwurf: Arne Jacobsen und Otto Weitling. Fertigstellung: 1969.
HEW-Zentrale, Hamburg Entwurf: Arne Jacobsen und Otto Weitling. Fertigstellung: 1969. Hendrik Bohle, thelink.berlin
Christianeum. Entwurf: Arne Jacobsen und Otto Weitling. Fertigstellung: 1971.
Christianeum Entwurf: Arne Jacobsen und Otto Weitling. Fertigstellung: 1971. © Jan Dimog, thelink.berlin
Rathaus Mainz. Entwurf: Arne Jacobsen und Otto Weitling. Fertigstellung durch Dissing+Weitling: 1973.
Rathaus Mainz Entwurf: Arne Jacobsen und Otto Weitling. Fertigstellung durch Dissing+Weitling: 1973. © Jan Dimog, thelink.berlin
Forum Castrop-Rauxel. Entwurf: Arne Jacobsen und Otto Weitling. Fertigstellung durch Dissing+Weitling: 1976.
Forum Castrop-Rauxel Entwurf: Arne Jacobsen und Otto Weitling. Fertigstellung durch Dissing+Weitling: 1976. © Jan Dimog, thelink.berlin
Arne Jacobsen und Otto Weitling (beide mit Brillen). An der Baustelle des Rathaus Mainz
Arne Jacobsen und Otto Weitling (beide mit Brillen) An der Baustelle des Rathaus Mainz © Stadtarchiv Mainz, Klaus Benz

Die Wanderausstellung

Die szenografische Grundidee der Ausstellung ist eine Reihe von semitransparenten Wänden, die flexibel aufgestellt werden können. Die Displays bestehen aus einem regelmäßigen Rastersystem (Grid) und sind mit teils bedrucktem Stoff bespannt. Dazwischen sind Plattformen als Sitzgelegenheiten, für Modelle und weitere Exponate angeordnet. In den Themengruppen „Werk und Wesen“, „Ideen und Ideale“, „Form und Funktionen“, „Perfektion und Präzision“ und „Wert und Wirkung“ werden Zeichnungen, Zitate, historische und zeitgenössische Fotografien sowie Modelle und AJ-Produktentwürfe (u. a. von Fritz Hansen, HOWE, VOLA und Louis Poulsen) gezeigt. Die Drucke sind auf Dibond platziert und an den Wänden oder zwischen dem System befestigt. Die stoffbespannten Wände dienen auch als Projektionsflächen für Fotos und Filmausschnitte. Alle begleitenden Texte zur Ausstellung sind in deutscher und englischer Sprache verfasst.

Die Schau macht die Architektur der beiden dänischen Baumeister erlebbar und wird seit Oktober 2020 bis zum Sommer 2022 in ihren Gebäuden und in Häusern gezeigt, die für deutsch-dänische Kultur stehen. Beginn war im Felleshus der Nordischen Botschaften, Berlin von 30.10.2020–24.5.2021. Danach macht „Gesamtkunstwerke“ Station in Mainz, Hannover, Castrop-Rauxel, Hamburg, Fehmarn und in Dänemark.

Das GRID-System. Flexibel, modular und rasterhaft
Das GRID-System Flexibel, modular und rasterhaft © Hendrik Bohle
Transparenz. Das System ist mit bedrucktem Stoff bespannt.
Transparenz Das System ist mit bedrucktem Stoff bespannt. © Hendrik Bohle
Das Grundelement. des Rasters besteht aus 40 x 40 x 40 cm großen, in fast allen Variationen kombinierbaren Cubes.
Das Grundelement des Rasters besteht aus 40 x 40 x 40 cm großen, in fast allen Variationen kombinierbaren Cubes. © Jan Dimog
Die Wanderausstellung. wurde im Felleshus, dem Gemeinschafts- und Kulturhaus der Nordischen Botschaften Berlin eröffnet.
Die Wanderausstellung wurde im Felleshus, dem Gemeinschafts- und Kulturhaus der Nordischen Botschaften Berlin eröffnet. © Hendrik Bohle
Tour. Nach Berlin macht die Schau Station in Mainz, Hannover, Castrop-Rauxel, Hamburg, Fehmarn und Dänemark. Insgesamt zeigen wir die Ausstellung von 2020 bis 2022.
Tour Nach Berlin macht die Schau Station in Mainz, Hannover, Castrop-Rauxel, Hamburg, Fehmarn und Dänemark. Insgesamt zeigen wir die Ausstellung von 2020 bis 2022. © Jan Dimog

Pressestimmen

Ulf Meyer, german-architect.com: “Die kleine, aber ebenso elegant gestaltete wie präzise erdachte Schau trägt nicht nur zu einem neuen Blick auf die westdeutsche Nachkriegs-Moderne und deutsch-dänische Gemeinsamkeiten in Architektur und Städtebau bei, sondern beleuchtet auch ein Dilemma der Denkmalpflege hierzulande.”

Martina Conrad, SWR2: “Das Buch „Gesamtkunstwerke“ von Jan Dimog und Hendrk Bohle stellt die Zusammenarbeit der Architekten Arne Jacobsen und Otto Weitling vor. Es ist ein Lesebuch, wenn der Enkel von Jacobsen über das Leben seines Großvaters und dessen Formensprache mit Anregungen aus der Natur erzählt. Es ist aber auch ein Architekturführer, der an Ideale wie Demokratie, Prestige und Effizienz erinnert, an denen sich die Architektur der 1960er- und 1970er-Jahre orientiert hat. Die klare Formensprache, die Geometrie und Offenheit machen die Bauten von Arne Jacobsen zu Ikonen der Nachkriegsarchitektur. Liest man die Texte und betrachtet die zahlreichen Bilder, die immer die Architektur in Bezug zu ihrer Umgebung stellen – so wächst das Verständnis für die Bauwerke. Und das betrifft auch des Mainzer Rathauses.”

Olaf Bartels, Bauwelt: “Dezidiert führt das Begleitbuch dazu die jeweiligen Einschätzungen, Bewertungen und Perspektiven der Denkmalpfleger auf. Die Ausstellung wirbt für die Akzeptanz der Bauten von Arne Jacobsen und Otto Weitling und verweist vor allem auf die Leistungen des Letzteren.”

Inge Pett, NXT A: „Mit dem populären Möbeldesigner Jacobsen schmückt man sich, dagegen scheint es schwer, sich für seine und Weitlings Architektur zu engagieren“, konstatieren die Kuratoren Hendrik Bohle und Jan Dimog. Mit ihrer Ausstellung und der begleitenden Publikation jedenfalls korrigieren sie dieses Bild skandinavischer Formgebung, jenseits von hygge.”

 

 

Der gleichnamige Katalog zur Ausstellung ist im Arnoldsche Verlag erschienen und ist auch im Felleshus erhältlich, ISBN 978-3-89790-611-2, 38€
Konzept: Dipl.-Ing. Hendrik Bohle und Jan Dimog (thelink.berlin)
Ausstellungsgestaltung: Philipp Mecke, Hendrik Bohle, Jan Dimog
Gestaltung Medien: strobo B M
Ausstellungsbau: form art, Berlin

#gesamtkunstwerke2020 #ddkultur2020

Von Jan Dimog Publizist und Gründer, veröffentlicht am .